301
In der Kruse'schen Dichtung überwuchert das ge-schichtlich Stoffliche. In einem glänzenden, lebhaft er-greifenden ersten Akte wird uns Wullenwever inmitten desLübeck'schen Volkes vorgeführt. Der Gegensatz zwischen derdemokratischen Bewegung, an deren Spitze er steht, undder alten Patrizierherrfchaft der Brömfe's, Plönnies,Dahlen, der tiefe Riß zwischen der Reformation und derkatholischen Kirche — anschaulich und drastisch geschildert— fesseln den Zuhörer. Wullenwever ist glücklich alsRedner und Staatsmann eingeführt. Bedenklich wirktfreilich schon die breite Auseinandersetzung der Verhält-nisse Lübeck's zu den beiden nordischen Königreichen Däne-mark und Schweden. Diesen Dingen kann das Publikumnicht folgen: es sieht einen Herzog-König Christian vor sichund hört beständig von einem König Christian-Christiern,der in Sonderburg gefangen sitzt: welche Frau soll sichaus diesem, ihr noch überdies gleichgültigen Wirrwarherausfinden? Kruse geht es wie Klein: sie setzen ihrWissen bei dem Publikum voraus. Wenn es gilt, schwerverwickelte, politische Verhältnisse klar auseinander zulegen, wird der erste Akt der „Maria Stuart" immer einMuster bleiben. Hier ist alles Ueberflüssige losgelöst,nur der innerste Kern des Gegensatzes zwischen Mariaund Elisabeth tritt uns entgegen. Der zweite Akt führtuns in die Rathsversammlung der Lübbischen Patrizierund in das Haus Wulleuwever's. Auf den Rath despäpstlichen Legaten Campeggio entfliehen die beiden Bürger-meister Brömse und Plönnies, um bei Kaiser Karl V.Schutz gegen die Demagogen der Stadt zu suchen. Indessenrüstet Wullenwever den dänischen Krieg: zwei Feldhanpt-lente Markus Meyer, sein Freund, und der Graf Christoph