Band 
[Zweiter Band]
JPEG-Download
 

301

zu verleihen; für die, denen die ernste Klio sich nicht ent-schleiert, sondern die in der Weltgeschichte nichts als eineReihe tragischer Ereignisse, Hofanekdoten, Verschwörungenund Schlachten sehen, eine anregende Lectüre. Und wenn einso reich begabtes Talent, wie Vitet es war, diese Formergreift und ausbildet, gewinnt sie sogar einen gewissenkünstlerischen Werth. Aber nicht Alles, was der Meisterthun darf, wage der Schüler! Paolo Giacometti's„Elisabeth", welche Signora Ristori uns am Dienstag den11. März vorführte, ist eine Sammlung solcher historischerScenen, ein dramatisches Lebensbild der Königin Elisabethvon 1586 bis 1603. Nach einander folgen sich die Hinrich-tung der Maria Stuart, die Zerstreuung der unüberwind-lichen Armada, die Geschichte des Grafen Essex, der Todder Königin; dazwischen Bacon, Shakspeare, bald Anek-doten, bald Auszüge aus einem venetianischen Gesandt-schaftsbericht über den Charakter der Königin. Die Irr-thümer gehen über das Maß der dichterischen Freiheitweit hinaus: Jakob Stuart VI. erscheint eine Stunde vorder Enthauptung seiner Mutter in London; Graf Leieesterwird bei seiner Landung in den Niederlanden 1587 vondem Grafen Egmont, der 1568 enthauptet wurde, begrüßt;Robert Essex erhält die weltgeschichtliche Ohrfeige wegenseines Ungehorsams im spanischen Feldznge. Wie die That-sachen, laufen die verschiedenen Stilformen des Drama'sdurcheinander, Posse, Lustspiel, Schauspiel, Trauerspiel,von Jedem Etwas. Giacometti ist eben ein Handwerker, erschneidert die Stücke seiner Patronin, der Signora Ristori„auf den Leib": so Judith, so Elisabeth. In den Einzel-heiten, die der Verfasser uns vorführt, wird sich hinsichtlichder Charakterschilderung der Königin nichts einwenden lassen,