Band 
[Zweiter Band]
JPEG-Download
 

334

dem Wolfe das Lamm abjagt, so entspringt dieser Muthdoch weniger aus ihrer körperlichen Stärke als aus derBegeisterung ihrer Seele. Montgomery nennt sie eine„liebliche Gestalt", sanft ist ihr Blick; klagend ruft sieselbst in ihrem Monologe aus: „Willst Du Deine Machtverkünden, hohe Himmelskönigin, so wähle nicht die zarteJungfrau, nicht der Hirtin weiche Seele." Dem Dichterschwebt ein gottbegeistertes, visionäres Wesen vor, dessenSchwäche gerade der Herr znm Triumphe führt, in demer sich um so herrlicher offenbart, je zerbrechlicher dasGefäß erscheint. War es nicht ein Hirtenknabe, der denRiesen Goliath tödtete? Schiller war zu dieser An-schauung durch den Drang der eigenen Phantasie, durchdie allgemeiner werdende romantische Vorstellung von demMädchen von Orleaus gekommen. In der Wirklichkeitwird Johanna d'Arc doch etwas mehr Körperlichkeit imSinne Voltaire's, wie eine streitbare Amazone, und etwasweniger Aetherisches gehabt haben. Uns ist durch dieUeberlieferung scheinbar eine zweigesichtige Johanna er-halten, wir kennen sie nämlich aus zwei ausführlichen,umfangreichen Prvceßakten: der erste Proceß vor derInquisition zu Rouen, nicht vor englischen, sondern derMehrzahl nach vor französischen Geistlichen, im Januar1431 geführt, endete mit ihrer Verurtheilung und ihremTode auf dem Scheiterhaufen am 20. Mai desselbenJahres; fünfundzwanzig Jahre später, als „kein eng-ländisch Roß mehr aus den Wellen der prächtig strömen-den Loire" trank und Karl VII. unangefochten, siegreichaus dem Thron seiner Wter saß, wurde im Namen ihrerFamilie und ihrer Freunde der zweite Proceß begonnen,der ihre Unschuld, daß sie keine Zauberin und Teufels-