340
erscheint diese letzte Ansicht beinahe wie eine Beleidigungihres Talents; ich möchte darum zunächst noch die Meinungvertreten, daß die Künstlerin, von ihrem Triumph berauscht,von dem Beifallsgeschrei einer leicht beweglichen Mengegetäuscht, bisher den tieferen Quellen ihrer Kunst, dieallein immer und ewig in unvergänglicher Frische strömen,nicht mit voller Hingabe nachgetrachtet. Zu viel desBlendenden und Ueberraschenden liegt in ihrer Erscheinungund in ihren Mitteln, um nicht fort und fort ein unterdem Bann des Aeußerlichen stehendes Publikum hinzu-reißen. Clara Ziegler gleicht darin dem bekannten Schau-spieler Wilhelm Kunst, Holtei's „letzten Komödianten",der dieselben Mittel besaß, sich aber damit doch keine Stelleim Pantheon der Kunst gewann. Ohne Vertiefung, ohneVergeistignng wird auch in der Schauspielkunst nichtsDauerndes geschaffen. Gewiß hat hier der glücklicheEinfall, selbst die „Coulissenreißerei" — oft ist die Sachenicht halb so schlimm wie der Name — ihr Recht; washaben nicht Alles in dieser Richtung hin, wie wir ausden Schilderungen der Augenzeugen wissen, die Lecouvreurund die Clairon gesündigt; in welch' grellen Effectenhaben sich oft die Rachel, die Ristori, die Seebach ge-fallen! Aber bei alledem brach immer wieder in ihnender Gedanke, die tiefste und schärfste Menschenbeobachtung;bei dieser der künstlerische Verstand, bei jener das empfind-same Herz durch alle Schlacken und Trübungen. DerFleiß, die Arbeit, das Ringen der Seele machten sich demKenner auch da noch bemerkbar, wo der stärkste Ton aufdie theatralische Wirkung, auf das naturalistische Spielgelegt war. Clara Ziegler steht noch zu sehr auf derStufe des Aeußerlichen und des Gemachten; den zweiten