Band 
[Zweiter Band]
JPEG-Download
 

372

Schützling" — die beiden Kaiserinnen Marie Louise undJosephine treffen einander, ohne sich zu kennen, an derWiege eines Kindes, das in derselben Stunde mit demKönige von Rom geboren ist —; am theatralischsten in„Heliodora". Diese Dramen beruhen wohl auf einemhistorischen Hintergründe, aber sie lösen sich doch in jederBeziehung freier und selbständiger von ihm ab, als dieübrigen Dichtungen. Darum erscheinen sie mir am ge-eignetsten zu einer Bühnenprobe. Sie sprechen unmittel-bar zum Herzen, zur Empfindung; in tieferer Weise nehmensie unser Mitleid in Anspruch, erregen unseren Schrecken,lehren uns Entsagung und Bändigung unserer Leiden-schaften.

Die Mängel der Klein'schen Dramen drängen sichleicht jedem Leser auf, das Großartige in ihnen artet oftzu Ungeheuerlichem aus, vor Allem, sie erheben einen zugroßen Anspruch an die Bildung des Hörers/ Es fehltihnen, schon in ihrer Sprache, an Klarheit, Einfachheitund Durchsichtigkeit. Aber darum, weil ihr eine Licht-schnuppe anhaftet, soll doch diese Leuchte nicht unter denScheffel gestellt werden. Ein Dichter redet zu uns; einer,der die großen Ereignisse der Geschichte in Alfreseobildern,uns erschütternd, vorführt; der, ein wunderbarer Kündigerder Herzen, in ihre Tiefen niedersteigt; der mit Shak-speare'scher Phantasie Gestalten schafft und im Reich desTragischen wie des Grotesken, oft freilich mehr nach derWillkür der Laune, als nach der Strenge des Gesetzes,das auch ihn bändigen sollte, herrscht. Buchdramen sindzunächst wie Fische auf dem Sande; man muß sie insWasser werfen, um zu erproben, ob sie schwimmen.können,ob uns nur ein künstliches Gebild täuschte. Dies wünsche