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Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Frau von Nein.

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Die Zahl der eigentlichen Lidagedichte ist nicht sehr umfangreich,aber sie hat auch an anderen Ausflüssen seiner Lyrik Antheil.

Als Goethe denWerther" umarbeitete, hals die Weimarer Lottedie Gestalt der Wetzlarer an einigen Stellen sein retouchiren, umdann die adelige Weiblichkeit Nataliens imWilhelm Meister" bildenzu helfen.

Wie sich Lotte Buff und die Max Brentano sehr ungleich in dieHeldin desWerther" theilen, so amalgamirt Goethe im August 1776Lili und Frau von Stein zur Heldin des nicht auf uns gekommenen,aber reconstruirbarenFalken".Liebster Engel! Ich hab an meinemFalken geschrieben, meine Giovanna wird viel von Lili haben, Du er-laubst mir aber doch, daß ich einige Tropfen Deines Wesens dreingieße, nur so viel es braucht um zu tingiren. Dein Verhältnis zumir ist so heilig, sonderbar, daß ich erst recht bei dieser Gelegenheitfühle: es kann nicht mit Worten ausgedrückt werden, Menschen könnensnicht sehen. Vielleicht macht mirs einige Augenblicke wohl, meine ver-klnngenen Leiden wieder als Drama zu verkehren." Der Titel desDramas und der Name der weiblichen Hauptperson weisen auf Boccaccioals Quelle, wie zuerst Düntzer kurz bemerkte und später Bartsch ineiner mir nicht zugänglichen Abhandlung ausführte. Es handelt sichum Decameron 5, 9, eine wie in Deutschland so in Frankreich »undSpanien sowohl episch als dramatisch bearbeitete Novelle, die in PaulHeyses Theorie der Gattung eine hübsche Rolle spielt, indem unsermoderner Künstler von jeder Novelle einenFalken" verlangt. Ein jungerEdelmann, Namens Federigo, liebt Monna Giovanna, die holdseligste,schönste Florentinerin. Er richtet sich durch Geschenke und werbendenAufwand bei Festen und Turnieren zu Grunde. Sie achtet dessennicht. Verarmt, aber nicht abgekühlt, bezieht er einen Bauernhof, seineletzte Besitzung. Giovanna, inzwischen verwittwet, läßt sich auf einembenachbarten Gute nieder. Ihr Knabe möchte gar zu gern den FalkenFederigos erhalten, wagt aber keine Bitte, weil der Vogel dem Besitzerüber alles werth ist. Das Kind erkrankt und versichert, nur durch denFalken könne es gesunden. Giovanna begiebt sich zu Federigo: zurEntschädigung für manche Unbill, die ihm früher durch sie geworden,wolle sie heute vertraulich bei ihm speisen. In der Verlegenheit, solchenBesuch würdig zu bedienen, schlachtet Federigo das theure Federspiel.