Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Frau von Stein.

Nach dem Mahle bittet Giovanna um den Falken, alles klärt sich auf,sie heiratet endlich den armen treuen Mann. Wenn die Frau in ebender Rede, wo sie den Herzenswunsch ihres Knaben vorträgt, wie ent-schuldigend dieSittenstrenge, welche du vermuthlich für Härte undGrausamkeit erachtest hast" erwähnt, so erkennen wir die Seite, woFrau von Steintingirte". Federigo, der unbefriedigte Verschwender,und Giovanna, die anspruchsvolle Dame, entsprechen dem FrankfurterGoethe und dem schönen Weltkinde Lili, deren Oheime und Trabantengewiß satirisch maskirt werden sollten. Auch an die oberflächlicheNovelle von Ferdinand und Ottilie in denUnterhaltungen deutscherAusgewanderten" mag man denken. Aber Giovanna, die stille Wittweund Mutter auf dem Landgut, und der beruhigte treue Federigo inseiner dürftigen Villa, das ist die Herrin von Kochberg und der Goethedes Weimarer Gartenhauses, wo Charlotte, Fritzchen zur Seite oderallein, manchmal sürlieb nahm, wenn auch nicht mit gebratenen Falken.Der Mann scheint verzichtet zu haben; durch Hingabe seines liebstenBesitzes offenbart er die höchste oortasia; die Frau krönt sein stumm-beredtes Werben. Solche Gedanken waren Goethe sehr geläufig.

Dichtete Goethe den zweiten Theil desFalken" von der Fictivnaus, Charlotte sei eine junge Wittwe und könne ohne Verletzung derSittenstrenge" die Seine werden, so nahmen ihn bald andere poetischeTräume hin, die sich vom 26. bis zum 29. October 1776 in dasdramatische GenrebildDie Geschwister" zusammenballten. CharlotteWittwe, Goethe Erzieher ihres einzigen Kindes, aber keines Söhnleins,sondern eines Mädchens, das ihm die früh abgeschiedene Charlotte alsjüngere Doppelgängerin ersetzt. Das Stück ist durch seine Intimitätdes Hauses, durch entzückende naive Züge Mariannens, durch Wilhelmsniederländisches Gemälde der alten Käsemutter jedem Leser und Theater-besucher lieb, obwohl es in seinen Voraussetzungen und ZuständenSchiefes und Bängliches ausweist. Fabriz ähnelt dem prosaischenWerner imMeister" auch darin, daß er um die Schwester seines em-pfindungsvolleren Freundes wirbt, wenngleich ohne Erfolg. DieNamen Wilhelm und Marianne kehren gleich im Eingänge des Romanswieder; Charlotte aber hat von Charlotte von Stein weit mehr alsden Namen erhalten. Kam dem Dichter die geliebte Frau zu Zeitenwie eine gen Himmel fahrende Madonna vor, so sendet Wilhelm zu