Frau von Stein.
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der abgeschiedenen Charlotte die andächtige Frage empor: „Siehst dudenn auf uns herunter, heilige Frau?" Er nennt sie „eines der herr-lichsten Geschöpfe". Durch sie sei er beruhigt, ein ganz anderer,thätigerer Mensch geworden. Ihre Briese bewahrt er wie einenTalisman und liest nur seinem Vertrauten Fabriz, fast zum Überdrußdesselben, daraus vor. Im Stücke wird uns ohne weitere Motivirungein Schreiben der Todten mitgetheilt, das nach Schölls feinsinnigerVermuthung wörtlich aus der Correspondenz zwischen Charlotte undGoethe eingeschaltet wäre: „Die Welt wird mir wieder lieb, ich hattemich so los von ihr gemacht, wieder lieb durch Sie. Mein Herz machtmir Vorwürfe; ich fühle, daß ich Ihnen und mir Qualen zubereite.Vor einem halben Jahre war ich so bereit zu sterben, und ich binsnicht mehr." Beide Charlotten haben den drängenden Liebhaber nichtmit ihrer Person beglücken dürfen. So schreibt Goethe einmal an dieStein, wenn Gott ihm ein Weib bescherte wie Crone, so würde er siein Ruhe lassen, aber die Schröter sei ihr nicht ähnlich genug. Mariannedagegen ist ihrer Mutter Ebenbild. Goethes Sehnsucht, den ganzenWiderstreit zwischen Schwesterthum und Erhörung schlichtend, erschafftsich in Marianne die schwesterlich übereinstimmende, liebende Geliebte,die verjüngte neue Charlotte, bei der er bleiben und wohnen darf. Soist es ihm, als weile Charlotte noch hienieden, und „Sie ist auch nochda" spricht er zu Fabriz. „Die Geschwister" wurden zwar aus demLiebhabertheater aufgeführt, aber Goethe that bis zum Druck 1787 sehrängstlich mit der Handschrift, die ihm und der lieben Frau wie etwasIntimes verwahrt sein sollte.
Bedeutsamer als das Erscheinen in diesen Ausläufern des bürger-lichen Dramas ist Charlottens Antheil an den dramatischen Schöpfungender symbolischen Kunst Goethes. Sie mag neben der Herzogin LuiseZüge für die königliche Mutter Antiope im „Elpenor" geliefert haben— sie steuerte reichlich bei zur „Jphigenie aus Tauris", deren Keimewir, auch ohne Riemers unantastbares Zeugnis, im ersten WeimarerJahre suchen müssen. Aus den von Grimm schön entwickelten innerenGründen; denn stärker als 1779 oder gar von 1786 auf 1787 hatte dervon den Furien verfolgte Orest 1776 ein Modell an Goethe selbst, demwilden, wüthigen, der da von manchen Wirren erschöpft fleht „SüßerFriede, komm, ach komm in meine Brust!" und der im August 1775