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Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Frau von Stein.

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Laß mich zum ersten Mal mit freiem HerzenIn deinen Armen reine Freude haben.

Noch jemand erkannte sich in diesem entsühnten, geklärten Orest:es war Schiller, den Freund Huber auch mit Goethes Tasso verglich.In thüringischen Landen setzte er die in Sachsen begonnene Selbstzuchtfort, und auch er fand den geweihten Tempel der aufrichtenden Frauen-liebe. Seine isolirte Existenz nahm ein Ende, die Wunden seinerJugend verharschten. So schreibt er im Mai 1788 an die Schwesternv. Lengefeld:Rudolstadt und diese Gegend überhaupt soll, wie ichhoffe, der Hain der Diane für mich werden; denn seit geraumer Zeitgeht mir's, wie dem Orest in Goethes Jphigenie, den die Eumenidenherumtreiben. Den Muttermord freilich abgerechnet nnd ' statt derEumeniden etwas anderes gesetzt, das am Ende nicht viel besser ist.Sie werden die Stelle der wohlthätigen Göttinnen bei mir vertretenund mich vor den bösen Unterirdischen beschützen."

Die große Erweiterung der Charakteristik liegt darin, daß Frauvon Stein Jphigenien keineswegs deckt. Die fürstliche Priesterin ver-tritt eine unsinnliche Jungfräulichkeit, und sie verkörpert eine idealeAnschauung des Weibes, die Goethe allerdings erst in Weimar allgemachgewonnen hatte. Auch die verklärte Cornelie schwebte ihm vor, welcheden gemüthskranken Dichter Lenz einmal geheilt hatte. Alles Schwester-liche, Göttliche, Hoheitsvolle und Weiche, Hilflose und Sichere der Fran,die leidend lernte, in Gehorsam aufwuchs, aber rauhen Geboten sichverschließt, klingt an, und die Frauennatur überhaupt giebt das feineBekenntnis ab:Ich untersuche nicht, ich fühle nur", weiblichen Tactüber männliche Logik ordnend, so wie es eine allgemeine, in Weimarformulirte Mahnung ist, welche Jphigenie ausspricht:

es ziemt

Dem edlen Mann der Frauen Wort zu achten.

So wird imTasso" das Ziemliche in einem ganz allgemein ge-haltenen Contrast der Geschlechter ausgesprochen. Die weibliche An-schauung glaubt:erlaubt ist, was sich ziemt" die männliche:erlaubtist, was gefällt". Der Dichter steht auf Seiten der Frau. DieWeisung von edlen Frauen zu erfragen, was sich zieme, und bei männ-lichem Freiheitsstreben das Streben der Frau nach Sitte zu achten, ist