Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Frau von Stein.

ein Gebot aus Weimar. Zur Prinzessin Leonore haben Frau vonStein und Luise das Meiste beigetragen, und geistreich schreibt Wols-gang von Goethe einmal, des Großvaters Briefwechsel mit der Herzoginsei zum Theil imTasso" abgedruckt; wie etwa die Gräfin Wertherund die kleine Schardt zur anmuthigen, oberflächlicheren und seinegoistischen Leonore Sanvitale beigetragen haben.

Im Gegensatze zurJphigenie" liegtTasso" nur in der letztenRedaction aus und nach Italien vor, in einer Fassung, wo überallSordinen aufgesetzt worden sind. Gewiß war der Ton früher beigeringerer Feinheit und Discretion voller und deutlicher. Besäßen wirdie beiden ersten Acte, so wie sie Goethe vom 80. März 1780 an bisins Frühjahr 1781 in rhythmischer Prosa hingeschrieben hat, so würdenwir noch viel handgreiflicher Weimar in Ferrara finden und noch vielhandgreiflicher erfassen, was Goethe zu Eckermann über die schmerz-reiche, nur scheinbar in klaren, kühlen Fluten dahingleitende Dichtungsagte:sie ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch".1780 wurdeTasso", auf Grund der geschmacklosen, aber doch für denDramatiker bequem angelegten Biographie von Heinse und auf Grunddes Manso, recht eigentlich für Frau von Stein gedichtet; kaum,daß Knebel, oder einmal Lavater, einen Einblick erhielt. Da meldeteGoethe:Ich habe gleich am Tasso schreibend dich angebetet" oderdeutlich genug:Als Anrufung an dich ists gewiß gut, was ich ge-schrieben habe. Obs als Scene und an dem Orte gut ist, weiß ichnicht". Tasso-Goethe huldigte der Prinzessin-Charlotte-Luise, wieTasso-Goethe, bevor der Dichter selbst immer mehr vom Staatsmannannahm, mit Antonio-Fritsch zusammenstieß. Der noch ungeschriebeneSchluß muß doch lange vor der erst in Rom gepflogenen Lecture derSerassischen Vita ganz ähnlich gedacht gewesen sein, wie er dann end-giltig geliefert wurde. Der Liebende ging zu weit, wiederholte Conflictezwischen einer vornehmen, wenig sinnlichen, sittigenden, grenzenziehendenFrau und einem heißen Künstlertemperament nahmen ein böses Ende.Solche Conflicte waren erlebt, und es ist gewiß kein Zufall, daß Goetheeben 1781 am Schlüsse desNoviziats" das Tassofragment bis zuritalienischen Reise bei Seite schob. . . . Aber noch im October 1780hatte er in einem Brief an die Stein Worte geschrieben, die sogleichversificirt ihre Stelle in dem Drama finden könnten:Ja, es ist eine