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Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Frau von Stein.

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Wuth gegen sein eigen Fleisch, wenn der Unglückliche sich Luft zumachen sucht dadurch, daß er sein Liebstes beleidigt, und wenn's nurnoch in Anfällen von Laune wäre und ich mir's bewußt sein könnte;aber so bin ich bei meinen tausend Gedanken wieder zum Kinde herab-gesetzt, unbekannt mit dem Augenblick, dunkel über mich selbst, indemich die Zustände des andern wie mit einem hellfressenden Feuerverzehre."

An der Figur desTasso" hat sehr vieles zusammen gearbeitet:Kenntnis des historischen Tasso, Selbsterkenntnis, Beobachtung derDichternatur überhaupt, Beobachtung gemüthskranker Männer wiePlessing oder Kraft und allgemeine Erfahrungen, allgemeine Conflictedes Lebens. Auch Lenz ist an der Katastrophe desTasso" betheiligt.Als er 1776 den Weimarer Hof mit Schimpf verließ und seelisch zer-rüttet in die Welt hinaus irrte, um desto sicherer unterzugehen, sahGoethe sich in die Rolle Antonios hineingedrängt. Der Dichter desTantalus" hatte sich in der olympischen Runde sehr unziemlich be-nommen. Noch im März 1781 schrieb er reuige Worte an Frau vonStein, die eine Antwort aufsetzte, nach deren Prüfung Goethe sehrbezeichnend erklärte, nun erst werde ihm die bisher unmögliche nächsteScene desTasso" leicht aus dem Herzen fließen. Wiederum alsoerscheint Frau von Stein unmittelbar betheiligt an dem tiefen, trost-losen Seelendrama. Kühl schlägt sich Goethe nach Jahren in Rommit denGrillen des Tasso" herum, aber als er, im Winter 1789auf 1790 bis in den Juni 1790 hinein, das Werk feilte und abschloß,machte ihm keine Grille, sondern peinliche Wirklichkeit den Kopf warm.Goethes Worte an Schnitz, er habe imTasso" des Herzblutes vielleichtmehr als billig vergossen, versteht man erst im vollen Umfange, wennman zu den obigen Nachweisen die Erwägung fügt, daß der DichterTafsos Frevel gegen die Prinzessin, feine innere Zerrüttung und seinScheiden endgiltig zu Papier brachte, als der Bund mit Charlotte sichqualvoll löste.

Er war aus Italien heimgekehrt und fröstelte physisch und seelischin Thüringen. Die Freundin hatte sein heimliches Scheiden mit bitteremSchmerz empfunden und nur allmählich aus den treuen Tagebüchern,den rückhaltlosen Briefbekenntnissen, worin Goethe sie wieder zur Theil-nehmerin seines ganzen inneren und äußeren Daseins machte, die Hofs-