Band 
Vierter Band
JPEG-Download
 

Möllere-

107

welches entschiedene Bewußtsein von der Unzulänglichkeit dermenschlichen Natur und darum von der Ewigkeit ihrer wieder-kehrenden Thorheiten, Laster und Irrtümer er in sich getragenhat. Dabei bleibt Moliere einer jener wenigen Schriftsteller,deren Entwickelung unter der Doppelausgabe, ein Tagespublikumzu unterhalten, zu ergreifen, fortzureißen und die eigne tiefereNatur in Erfassung und Wiedergabe der Welt zu bethätigen,eher gewonnen als gelitten hat. Je weniger die Zeit Molieresin ihrer scharfen Verstandessicherheit das Bedürfnis des spe-zifisch poetischen, versöhnenden Humors kannte, je gewisser Mö-llere viel mehr von diesem echten Humor besaß, als seine Zeit-genossen begehrten, uni so natürlicher war es, daß sein vorbild-licher Geist die ganze französische Lustspieldichtung der PeriodeLudwigs XIV. und weit darüber hinaus bestimmte, und daßdoch in den meisten der Lustspieldichter, welche ihn nachahmten,wenig von dem freien, großen Zug, dem herzergreifenden Ernst,wenig auch von der zu Zeiten übersprudelnden Laune der Mo-liereschen Komödie zu finden ist. Der Sittenmater trug es überden Dichter davon: die Schule Molieres eignete sich vor allemdie Schärfe der Wiedergabe gewisser Zeittypen und Zeitsitten,eignete sich einen Teil der Kunst an, den dramatischen Dialogzu führen und dem französischen Vers, dem Alexandriner, denReiz der wirksamen Replik abzugewinnen. Die Schlagkraft, dieKlarheit und sprühende Lebendigkeit der Moliereschen Sprache,auf der in schwächern Momenten oft die dramatische Wirkungberuht hatte, bildete einen Gegenstand des sorgfältigsten Stu-diums für die Lustspieldichtcr. Da Molieres Komödien lebendigblieben und ihre Popularität noch wuchs, so waren die zahl-reichen Autoren, die ihm nachfolgten, beständig vor den Vergleichmit ihm gestellt und hatten daher nur vereinzelte Erfolge aus-zuweisen.

Als au einen Vorläufer Molieres, welcher der Zeit nachnoch der Übergangsperiode, den Tagen des jungen Corneille undScarrons, angehörte und seine letzten Arbeiten schrieb, währendMoliere mit seiner Truppe durch die französischen Provinzenzog, muß hier noch an Savinien de Cyrano Bergeracerinnert werden. Geboren 1619 in Paris, war Cyrano derKamerad Molieres im College de Beauvais und mit diesemgemeinsamer Schüler Grangiers und Gassendis. Er ward dannSoldat, machte ein paar Feldzüge mit, zeichnete sich durch