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HundertlmdfünfteZ Kapitel.
für die Poesie, wenig für das Drama", so wollte er damit ohneZweifel ausdrücken, daß in dem jugendlichen Dichter ein Ele-ment zarter, elegischer Lyrik, ein Element feinsinniger Reflexionund eine Sprachbeherrschung vorhanden seien, welche bei andernGattungen der Poesie stärker ins Gewicht fielen als beimDrama. Corneille irrte sich freilich und empfand nicht, welcheEntwickelungsfähigkeit sich mit dem weichen, lyrischen Talentdes Aufstrebenden verband: welche Stärke der Mitempfindungfür jede Leidenschaft, welcher psychologische Tiefblick, welchemethodische Sicherheit bei der Durchführung einer Anlage.
Schon in der nächstfolgenden Tragödie: „Andromache"*erster Druck, Paris 1667), bewährte Racine diebezeichneten Vorzüge. Mit „Andromache" begann die Reihejener sinnvollen Erfindungen, nach denen Racine mit einer ein-zigen einfachen Handlung einen gewissen Reichtum einanderwiderstreitender Leidenschaften zu verbinden und Bewegung wieSpannung auf die letzte Entwickelung hervorzubringen weiß.Die stolze Eifersucht der Hermione gegen Andromache, die un-glückliche, verzweifelte Liebe des Orest zu Hermione, die brutaleund wilde Liebe des Pyrrhus zu seiner schönen Gefangenen, dietreue Mutterliebe und edle Opsersähigkeit der Andromache sindlebendig und natürlich dargestellt, und das Aufeinanderprallendieser Leidenschaften in einer leidlich wahrscheinlichen Folge vonSzenen mußte der Tragödie noch viel mehr als ihre geistigdurchhanchte, edle Sprache, der es (die Voraussetzungen derfranzösischen Hoftragödie einmal zugegeben) selbst an einergewissen Natürlichkeit nicht fehlt, einen tiefen Eindruck sichern.— Von noch stärkerm dramatischen Leben erfüllt, leidenschaft-licher, schärfer in den Gegensätzen, vertiefter in der Charakteristik(die hier selbst die Schattenfiguren der Vertrauten in so belebteund unterschiedene Gestalten wie Burrhus und Narziß wandelt),erhabener im Pathos und darum nicht minder wahr, zeigt sichdie Tragödie „Britanniens"^ (erster Druck, Paris 1670). Siedarf als ein Triumph des Genies über die engen und der wahrendramatischen Entfaltung ungünstigen Vorbedingungen des klas-sischen Trauerspiels angesehen werden. Die Phantasie des Dich-
* Deutsche Übertragung von Fr. L. Junker (Augsburg 1819).
^ Deutsch von L. Hengers (Bonn 1825). Bon Philipp Cvnz (Tübin-gen 1825).