Jean Racine und die Tragödie.
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ters trotzt den Hinderniffen, welche einer mannigfach bewegtenHandlung entgegenstehen, und gewinnt dieselbe aus dem Zu-sammenstoß energisch gegensätzlicher Charaktere und starkerLeidenschaften. Dazu gesellte sich für die Generation Racinesjene eigentümliche Wirkung, welche spätern Geschlechtern ab-handen gekommen ist, die atemlose bange Spannung, wie diefürstliche Hoheit, Würde und Majestät im Sturm erregter Leiden-schaften sich darstellen und bestehen werde. Im „Britanniens"spielte dies Moment noch stärker als in der „Andromache" mitund gab allen folgenden Tragödien Racines einen besondern Reiz.
Die Tragödie „Berenice" (erster Druck, Paris 1671) ge-stattete Racine, seine besondere Vorliebe für die Darstellunginnerer Kämpfe voll zu entfalten. Sie behandelte die Liebe desKaisers Titus zu der schönen Jüdin Berenice, von der er sichaus Pflichtgefühl, um des Wohls des Staats willen, trennte,während auch sie hochherzig ihm das empfangene Ehegelübdezurückgibt. Unschwer konnte der Vorgang auf die TrennungLudwigs XIV. von seiner Zugendgeliebten Maria Mancini,von andern auf die hoffnungslose Neigung der schönen Henriettevon Orleans für ihren Schwager, denKönig, gedeutet werden. —Zeigt die „Berenice" auch weniger dramatisches Leben, sobesitzt der einfache Vorgang eine große Wahrscheinlichkeit undeinige Szenen sind von so echter lyrischer Empfindung durch-leucht und belebt, daß sie sich weit über die rhetorische Eintönig-keit der meisten Dramen des französischen Klassizismus erhe-ben. — Das nächstfolgende WerkRacines: „Bajazet"* (ersterDruck, Paris 1672), das einzige Drama des Dichters in orien-talischem Kostüm, litt unter der Künstlichkeit seiner Jntrigeund der unerfreulichen Gestalt der Roxelane, welche mehr einegroße Paraderolle für eine talentvolle Schauspielerin als Wie-dergabe einer weiblichen Natur ist. Auch die andern Charaktere:Bajazet, der Großwesir Acomat, Osmin, Atalide, erheben sichnicht zur Höhe der vollendeten Racineschen Charakteristik. Derfremdartige Stoff scheint ihn bedrückt zu haben, obschon er sichfür Wiedergabe der Zeit und Lokalfarbe eben nicht in Unkostengesetzt hat. — Um so bedeutender erscheint der Dichter in derdem „Bajazet" unmittelbar folgenden Tragödie: „Mithri-dates" („LlitbriäiNs"; erster Druck, Paris 1673), welche von
^ „Bajazet". Frei bearbeitet von F. A. W. Gräfmhan (Gotha 1827).