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Vierter Band
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Hundertundfünftes Kapitel.

einigen Beurteilern dem „Britanniens" vorgezogen, von allendem letztgenannten Drama zunächst gestellt wird. Im „Mi-thridates" ist wieder die besondere Kunst entfaltet, welche durchBenutzung zurückliegender Vorgänge, durch schärfste Gegensätz-lichkeit der widereinander spielenden Interessen, durch sorgfäl-tigste Motivierung aller in die rasch abrollende Handlung ein-greifenden Momente einen fünften Akt zu fünf Akten auszudeh-nen und zu beleben weiß. Denn darauf läuft in den gelungenstenklassischen Tragödien die Hauptleistung des Dichters hinausund je glücklicher er den Schein zu erwecken vermag, als seiendas Leben und die Entwickelung, die vor dem Schluß der Tra-gödie liegen, in dieser enthalten, um so bedeutender ist die Wir-kung. Die Führung der Handlung sowohl als die Charakeristikim „Mithridat" erweisen die Meisterschaft Racines, die Haupt-gestalten Mithridat, Monime und selbst Pharnaccs sind vollLeben, Mithridats aus heldenhafter Größe und brutal grau-samer Sultanslanne gemischter Charakter zeugt für die echteKraft der Menschendarstellung in Racines Talent.

Die beiden nächstfolgenden Dramen Racines gestalten Epi-soden der griechischen Sage, eine Stoffwelt, in welcher sich derDichter durchaus heimisch fühlte. „Jphigenie"' (erster Druck,Paris1675) ist dadurch ausgezeichnet, daß in ihr nicht dieLiebes-leidenschast im engern Sinn, deren Darstellung als seine beson-dere Stärke gilt, sondern die Eltern- und Kindesliebe in schwe-rem Konflikt mit andern Pflichten und in durchgreifenden schmerz-lichen Situationen vorgeführt wird. Die Anlage ist einfacher alsin den vorausgegangenen Tragödien, die Lösung (durch den Todder Eriphfle) minder glücklich. Aber für die Wciterentwicke-lung des französischen Trauerspiels hat die „Jphigenie" vielmehr zum Muster gedient als „Britannicus", „Mithridat" oder„Phädra". Es Würde interessant sein, nachzuweisen, wie geradedie in der Anlage kunstlosere, in der Charakteristik schwächereund mit rhetorischer Breite durchsetzte „Jphigenie" die Drama-tiker zweiten Ranges beeinflußte. — Die der „Jphigenie" fol-gende „Phädra"^ („llüLärs"; erster Druck, Paris 1677) ist die-jenige Tragödie, in welcher Racine die dunkle dämonische Seite

^ Deutsch von Fr. Peucer (Leipzig 1823).

^ Deutsch in freier Bearbeitung von Schiller (Tübingen 180ö); Über-tragungen von Gräsenha» (Gotha 182d) und Adolf Gbttger (Leipzig 18P3).