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HundertundsechsteZ Kapitel.
aufrichtig die Hoheit und die anmutige Würde Racines, densinnvollen Ernst Boileaus; aber man schätzte nichtsdestowenigereinen Dichter, welcher mit einem Anhauch von Leichtfertigkeitund höchster Lebendigkeit, mit unverwüstlich guter Laune dieunterhaltenden altfranzösischen und italienischen Geschichtenvortrug, welche trotz des Klassizismus und des Hoftons ihreAnziehungskraft keineswegs verloren hatten. Die meistender poetischen „Erzählungen" Lafontaines wurden Boccaccio undden italienischen Novellisten, Arivst und den mittelalterlichenFabliaux entlehnt, alle aber in der Wiedergabe in reizenden,leichtflüssigen Versen zum vollen Eigentum des französischenDichters umgestaltet. Die Vortragsweise, die Klarheit des Aus-drucks, der glückliche und besondere Reiz einer immer plaudern-den einfachen und doch nie nachlässigen Sprache, das köstliche,nie irre gehende Talent und Feingefühl Lafontaines für den jedes-mal anzuschlagenden Ton machten diese Erzählungen auch in denAugen derer wertvoll, welche gerechten Anstoß an den Frivoli-täten und Lüsternheiten einzelner nahmen. Übrigens müssen diereizenden Geschichten: „Der Falke", „Die verliebte Kurtisane"Lafontaines besten Schöpfungen hinzugerechnet werden.
Alle sprachlichen Vorzüge, alle Reize der poetischen Sub-jektivität Lafontaines, dazu die Kunst, im kleinsten Rahmenvolles Leben zu geben und eine gewisse Lebhaftigkeit und Mo-ralisierlust mit der ganzen Arglosigkeit zu verbinden, welche sicham Geschehenen und am bunten Wechsel der Dinge freut, die lie-benswürdigste Grundstimmung und dazu ein Realismus und eineFeinheit der Beobachtung, welche dem schärfsten Verstand genug-thun, finden sich in Lafontaines „Fabeln'^ („bUlles"; 1.bis 6. Buch, erster Druck, Paris 1668—1669; 7. —11. Buch,ebendaf. 1678 — 79; 12. Buch sdem Herzog von Burgund ge-widmets, ebenda?. 1690) vereinigt. Wenn Nisard („Histoü-oäs la littsraturs ü'Lneaiss", Bd. 3, S. 149, 153) Lafontaineals den „meist französischen" aller klassischen Autoren des 17.Jahrhunderts charakterisiert, zugleich als denjenigen, der amstärksten vom echten Geiste des Altertums beseelt gewesen sei, so
^ Die Übersetzungen einzelner Lafontainescher Fabeln ins Deutschebegannen sehr früh. Bei Fr. v. Hagedorn, Stoppe, Triller, Lichtwer,Glcim rc. finden sich zahlreiche Fabeln teils in wörtlicher Übersetzung, teilsin freier Bearbeitung. Vollständige Übersetzung von Catel (Berlin 1790),neuere Übertragung von Ernst Dohm sebendas. 1876).