Band 
Vierter Band
JPEG-Download
 

140

Hundertundjechstes Kapitel.

1720 Von der berüchtigten Diebesbande des Cartouche ermordet.Vergiers Poesien, in denen ein Abglanz von Lafontaines leben-digem Natursinn, feiner naiven Fröhlichkeit und arglosen Leicht-fertigkeit vorhanden ist, erschienen wahrend seinesLebens nurzer-streut in den verschiedenen Gedichtsammlungen seiner Zeit, wur-den aber nach seinem Tod als „Vermischte Werke" („Wuvrssclivsi-sss"; erster Druck, Rouen 1726) gesammelt. In denselbenfinden sich eine Reihe von poetischen Erzählungen, die nicht freivon Frivolitäten und formellen Nachlässigkeiten, aber munterim Ton, frisch, anschaulich in der Darstellung sind. Eine ArtHalbroman (nach dem Muster der altfranzösischen Erzählungen,teils in Versen, teils in Prosa): „Don Juan und Jsabella",scheint vielen Beifall gefunden zu haben, welcher nach unsrerEmpfindung den Novellen und Schwanken in Versen, den weni-gen erotischen Gedichten und den fröhlichen Trinkliedern despoetischen Marinesekretärs weit mehr gebührte. Als SchülerLafontaines galt ferner Senece, dessen poetische Erzählungenund Fabeln denen Lafontaines allerdings in keiner Weise zuvergleichen sind.

Das idyllische Element, welches beiLafontaine zwar niemalsbreit in den Vordergrund tritt, aber auf dessen Frische die Wir-kung einer Reihe seiner kleinen Erzählungen beruht, fand eineAnzahl selbständiger Vertreter auch in der Blütezeit des franzö-sischen Klassizismus. Nur daß diese Vertreter sich leider nochimmer mehr an d'Urfe und die Bukoliker des Hotel Rambouilletanschlössen, wenigstens nach ihnen zurückschießen, als daß sieden Instinkt besessen hätten, in den kleinen ländlichen Schilde-rungen des großen Fabeldichters, den frisch-natürlichen Erzäh-lungen und Zügen die Pfadzeiger für ihre eignen Bestrebungenzu erkennen. Der gefeiertste Jdyllendichter der Periode, Re-naud de Segrais, ward 1624 zu Caen geboren, kam früh-zeitig an den Hof, wo er zwischen 1641—1672 Kammerherr derHerzogin von Montpensier war, zog sich dann nach seiner Vater-stadt zurück, in der er großes Ansehen genoß und 1701 starb. —Segrais gehörte zu den wenigen Dichtern der ältern Generation,die mit Glück in die neue hinübergelangten, und denen selbstBoileau seine Anerkennung nicht versagte. Seine sieben Eklogen:„Climene", ,Minarete", „Amire", „Aminte", „Olympia",„Urania", „Der Friede" waren nur in der Form reiner undgeschmackvoller als die Schüsergedichte der Poeten aus d'UrfeS