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Vierter Band
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Hundertundjechstes Kapitel.

Erstlingen ihrer Muße hervor. Sie wurde von poetischen Freun-den als „zehnte Muse", als „Kalliope Frankreichs" gefeiert;ihrer ziemlich bedrängten äußern Lebenslage half Ludwig XIV.1688 durch eine Pension auf. Sie starb am 17. Februar 1694 zuParis. Antoinette Deshoulieres befaß unzweifelhaft eine lyrische,zur Sentimentalität neigende Begabung. Aber da sie nicht indem natürlichen, wenn schon engen Kreis ihres Talents ver-harrte und ein paar schlechte Stücke, unter andern eine von Ra-cine in einem seiner schärfsten Epigramme verspottete Tragödie„Genseric", ein Lustspiel „Die Wasser von Bourbon" und eineOper „Zoroaster", aufführen ließ, außerdem an den litterarischenKämpfen der Zeit Anteil nahm und in ihnen fast regelmäßigauf feiten der Mittelmäßigkeit und Geschmacklosigkeit stand, sowurde sie von Boileau als eine zurückgebliebene „Prezieuse"und als Erbin aller albernen Gefühle der Sekte des HotelRambouillet bezeichnet. Wie so viele weibliche Dichterinnen,zeigte auch Antoinette Deshoulieres eine Mischung wirklichenTalents und hohler Schöngeisterei, echter Empfindung undunwahrer Nachempfindung. Ihre Oden und Epigramme wur-den mit Recht ebenso rasch vergessen wie ihre dramatischenWerke. Dagegen erhielten sich ihre Idylle (in den „Wnvre»",Paris 1687), denen noch im nächsten Jahrhundert Voltairegroßes Lob spendete, in Wirkung und Ansehen. Das Idyll„Die Schafe" (,,lles moatoiis", zuerst 1674 im „klsrears"), ob-schon es haarscharf auf der Grenze der Naivität und des Lä-cherlichen steht, verschaffte ihr zuerst eine Geltung auf diesembesondern Gebiet. In dem genannten wie in ihren sonstigenIdyllen drückt Madame Deshoulieres eine rege und, wie esscheint, nicht völlig erkünstelte Sehnsucht nach dem Frieden unddem ruhigen Glück idyllischer Zurückgezogenheit aus, im Gegen-satz zu den Armseligkeiten des gesellschaftlichen Treibens, zwi-schen denen sie freilich Zeit ihres Lebens stand. Außer den„Schafen" zeichnet die französische Kritik die Idylle: „DerWinter" und „Die Vögel" als besonders vortrefflich aus.

Eine Gruppe natürlicher und zu dem herrschenden Ton instarkem Gegensatz stehender Poeten, welche den möglichst unbe-kümmerten Genuß des Daseins, die dauernde Heiterkeit zu ihremLebensideal erhoben hatten, sich in beinahe völliger Unabhängig-keit von Hof und Stadt erhielten, bewahrten auch in den For-men ihrer Dichtung meist eine größere Beweglichkeit, eine Prä-