Lafontaine und die leichte Dichtung.
145
graziöse Rondeaus und vortreffliche flüchtige Poesien finden, indenen Chapelle den Ton zuerst anschlug, welchen Chaulieu undde la Fare mit so vielem Glück wahrend der spätern Periode Lud-wigs XIV. festhielten.
Ein jüngerer Apostel der Fröhlichkeitspoesie war JeanFrancois Lorigct de Lafaye, geboren 1674 zu Vienne inder Danphine, welcher als Soldat, dann als Gesandterin Genuaund London mit Auszeichnung gedient hatte, sich aber späterlediglich seinen Neigungen für die leichte Poesie hingab. Lafayestarb am 11. Juli 1731 zu Paris. In seinen beiden letztenLebensjahren hatte er einen Sitz in der Akademie erlangt, unterderen Mitgliedern er beinahe allein die Schule Chapelles undChanlieus vertrat. Seine Dichtungen waren zerstreut im ,Ms»om-ö" erschienen. Gegen Lamotte, welcher dem Vers und demReim in der Dichtung den Krieg erklärte und die sogenanntePoetische Prosa vertrat, wie sie in Fenelons „Telemach" zuTage getreten war, richtete er seine geistreich-graziöse „Epistelüber die Vorteile des Reims" („IPllrs sm- Iss gvsntgZssäe 1g. rims"), welche unter seinen Gedichten das bekannteste wurde.Auch seine kleinern Gedichte entsprangen einem überaus liebens-würdigen Naturell und einem feinen Gefühl für das melodischeElement der französischen Sprache. — Blinder fein und ge-schmackvoll, aber höchst launig und lebendig wirken die „Dich-tungen" („kossWsP Paris 1733) des Alexandre Laynez,welcher 1650 zu Chimay geboren ward und nach großem Reisenim Orient am 18. April 1710 zu Paris starb. Laynez warzu nachlässig, um seine den Freuden des Lebens unmittelbar ent-stammten improvisierten Gedichte auch nur vollständig nieder-zuschreiben; seine Freunde besorgten das für ihn und erhieltendamit das Andenken eines weitem Vertreters der Epikuri-schen Schule.
Wie die Fabulierlust und Fabulierkunst Lafontaines unddie graziös-leichtfertige Lyrik vielfach ein Wiederanknüpfenan altfranzösische Traditionen waren, so erscheinen die Ver-suche, das Märchen neu zu beleben, als ein sich Besinnen aufalte Rechte der Einbildungskraft. Die klassische Ästhetik hattedie Phantasie nicht geradezu geächtet, aber ihr einen so be-schränkten Spielraum gewährt und der „Räson" ein so ge-waltiges Übergewicht gegeben, daß die Natürlichkeit und dieso entschieden begehrte „Wahrheit" der französischen Litteratur
Stern, Geschichte der neuern Litteratur. IV- 10