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Hundertimdsechstes Kapitel.
darunter erdrückt worden waren. Denn da ganze Seiten desLebens und der menschlichen Natur ohne die Mitwirkung derPhantasie überhaupt nicht darzustellen sind, so verengerte sich derKreis des Darstellbaren innerhalb der klassischen Poesie unbe-wußt noch weit mehr, als die Doktrin dies bewußt geforderthatte. Die plötzliche Gunst, welcher vom letzten Jahrzehntdes 17. Jahrhunderts an sich die Märchen bei Litteratur undLesewelt zu erfreuen hatten, war entschieden darauf zurückzu-führen, daß eine gewisse Sehnsucht nach stärkerer Anregung undBefriedigung der Einbildungskraft erwacht war.
Der erste Wiederbelebet" der Märchenpoesie, Charles Per-rault, hatte schon vor Veröffentlichung seiner erfolgreichstenpoetischen Produktion durch Parteinahme in einer ästhetisch-kritischen Streitfrage eine besondere Stellung in der Litteraturgewonnen. Geboren am 12. Januar 1628 zu Paris, verdanktePerrault seine Bildung dem College de Beauvais, war dannkurze Zeit Advokat gewesen und hatte 1664 durch Colbert einegute Stelle bei der Verwaltung der königlichen Bauten erhalten.Er gewann Einfluß auf die Gunstbezeigungen und Gründungendes großen Ministers für Wissenschaft und Künste, nahm teilan der Schöpfung der Akademie der Wissenschaften und derAkademie der Inschriften, die der ursprünglichen französischenAkademie angegliedert wurden, ward selbst Mitglied der letzt-genannten Akademie, obschou er sich bis dahin als Poet nurdurch einige „leichte"' Gedichte hervorgethan hatte. Durch einin der Akademie 1687 vorgetragenes Gedicht zum Lob Lud-wigs XIV. geriet Perrault in einen heftigen Streit mit Boileau.Er hatte mit naiver Keckheit die Überzeugung ausgesprochen,daß die modernen Dichter den antiken überlegen seien, und derkritische Rhadamanth der .Art xo8t>aue" erblickte darin nichtmit Unrecht einen versuchten Stoß wider die Grundfäulen feineseignen Lehrgebäudes. Perrault suchte seine Anschauung in demWerk „Vergleichung der Alten und Neuen" („karUleWäss Äiivimis et äss moäerirss"; erster Druck, Paris 1688—1698)zu begründen. Ohne den hochstehenden Gegner besiegen zu kön-nen, hatte Perrault doch die Einseitigkeit in der KunsttheoricBoileaus und die Überschätzung des bloßen Stilgefühls, welchemit der neuesten Entwickelung der französischen Litteratur ein-getreten war, zur Sprache gebracht, und während Perrault sichnoch vor feinem Tode, der zu Paris am 16. Mai 1703 erfolgte,