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Vierter Band
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HundertunÄsicbcnLes Kapitel.

2) Die Philosophen der Gesellschaft und die litterarischen Weltleute.

Unter den gepriesenen Stilisten der klassischen Litteraturepochesteht eine kleine Gruppe, welche den engen Zusammenhang unddie unablässige Wechselwirkung zwischen Litteratur und Gesell-schaft ganz besonders verdeutlicht. Es sind Moralphilosophen,reflektierende Weltleute, welche den Verkehr in ihren Lebens-kreisen als ihren eigentlichen Beruf ansehen, sich aber der Be-obachtung und des Nachdenkens über den Zusammenhang dermenschlichen Dinge nicht entschlagen können. Männer undFrauen, die zur Litteratur in dem Verhältnis stehen, daß sie denWunsch hegen, in der vollendeten Sprache, die im FrankreichLudwigs XIV. ebensosehr der Besitz des seingebildeten Weltmannswie des Schriftstellers von Beruf ist, ein und das andre Mal ihreinnern Gesinnungen und Erfahrungen zu offenbaren, ohne daßman sie schöpferisch im engern Wortsinn nennen dürfte. Auchbei ihnen spielt das Fragment, die Skizze, eine große Rolle; siewürden selbst, wenn sie Neigung zu umfassenden und in sichvollendeten Werken besäßen, die Zeit zur Ausführung derselbennicht finden. Denn obschon die einen sich der Gesellschaft, ihrenPflichten und Freuden gegenüber skeptisch, die andern beinaheenthusiastisch Verhalten, so gleichen sie sich doch alle darin, daßsie eng an ihre Welt gebunden bleiben und sich, selbst wo siediese Welt aufs schärfste kritisieren, ja offenbar gering schützen,in keiner andern zu denken vermögen. Wenn sie in der Regelals Moralisten genannt werden und diesen Titel für sich in An-spruch nehmen, so ist ihre Moralphilosophie doch selten mehrals die geistreiche, bündige Fassung einer Anzahl von Maximen,welche sie im Verlauf ihres persönlichen Lebens beobachtend ge-wonnen und bewährt gefunden haben.

Der älteste dieser Prosaisten war Fraucois, Herzog vonRochefoucauld, als der Sprößling eines großen Hauses am15. Dezember 1613 geboren, schlecht unterrichtet, aber vonJugend auf durch eine rasche Beweglichkeit des Geistes undseltene Ausnahmefähigkeit für Eindrücke aller Art ausgezeichnet.Er gehörte zu jenem Adel, der in den Unruhen und Kämpfender Fronde die unter Heinrich IV. und Richelieu Verlorne po-litische Stellung wiederzugewinnen trachtete. Er ward dazuweniger durch eignen Ehrgeiz als durch eine romantische Liebefür die Herzogin von Longueville getrieben und rühmte sich in