Band 
Vierter Band
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HimdertimdflebeilteS Kapitel.

Männern und Frauen ihrer Zeit stand, die geheimen Beweg-gründe für Hunderte von Vorgängen kannte, die Menschenihrer Umgebung, soweit ihr Urteil reichte, mit der Lebendigkeiteines guten Dramatikers oder Novellisten erfaßte, eine selteneWärme, Takt, Zartgefühl und alle geistigen Eigenschaften besaß,die im guten Sinn weibliche sind, so verdienen ihre Briefedie ganze Anerkennung, welche sie als Muster des Briefstils,als Fundgruben für historische und litterarische Daten, als denk-würdigste Zeugnisse von: Geist und Wesen der vornehmen Ge-sellschaft des alten Frankreich gefunden haben. Die „Briefe derFrau von Sevigne an ihre Tochter"* („Uettros cka Lw-äsm« äo 8vviAN8 L 8g, Ms"; erster Druck, Paris 1725t neuestevollständigste Ausgabe von Regnier, ebendas. 1867) haben soenthusiastische Lobsprüche von Gouvernanten und flachen Gesell-schaftsmenschen erfahren, daß ihr voller innerer Wert, ihre gleich-sam unverwüstlichen Borzüge dazu gehören, um jederzeit mitder vollen Frische und Wärme, mit der sie gedacht und geschrie-ben sind, zu wirken. Der persönliche Charakter der Frau vonSevigne erscheint durchaus liebenswürdig und, die unvermeid-lichen Beschränkungen der Zeit, der Sitte und des aristokratischenVorurteils zugegeben, achtbar und gewinnend. Mit der Sitteder Zeit, Briefe zu kopieren und herumzugeben, wohlvertrautund, trotzdem sie gelegentlich ihre Abneigung dagegen ausspricht,auch innerlich einverstanden, schreibt Frau von Sevigne trotzihrer mütterlichen Zärtlichkeit und ihrer Neigung, in Briesenzu denken, immer so, daß nötigenfalls die ganze „Welt" dieseMuster von lebendiger Auffassung und Erzählung, von graziöserMedisance und anmutiger Schmeichelei, von vornehmer Ge-sinnung und höfischer Unterordnung, von geistiger Bildung undplatter Vergnügungssucht, von vorwaltender Repräsentationund gelegentlicher Innerlichkeit lesen konnte. Man darf nichtbehaupten, daß es ein Schielen nach der Nachwelt sei, welchesuns in gewissen Reihen dieser Briefe auffällt; ein Schielen nachder Memnng gewisser Zeitgenossen war es jedenfalls. Manlese die Briefe aus dem Jahr 1670, worin sie ihrer Tochter vonder beabsichtigten und von: König zugestandenen Heirat Lauzunsmit „Mademoiselle de Montpensier" berichtet, um den EindruckVon etwas zu haben, was in jener Zeit Wohl die Stelle einer

* Deutsche Übertragung (anonym), Brandenburg IK18.