214
HmidcrtimdnemitiS Kapitcl.
arbeiter, Nathanael Lee. 1657 zu Sheffield geboren, studierteLee in Cambridge, ging als Schauspieler zur Bühne, gab aberdie Laufbahn als Darsteller bald auf, widmete sich ausschließlichder Litteratur, wurde durch die Maßlosigkeit seines Lebens-genusses, gewaltsame Art seines Arbeitens und die Überhitzungseiner Phantasie tobsüchtig, so daß er nach Bedlam gebrachtwerden mußte, ward aber als geheilt wieder entlassen und fandim Jahr 1693 seinen Tod, der erste jener englischen Poeten,welche auf der Straße endeten. Obschon Lee nur 36 Jahrealt wurde, hinterließ er doch eine ziemliche Anzahl von Wer-ken, die ein entschiedenes poetisches Talent, Vor allem einelebendige, rege Einbildungskraft bekundeten, aber freilich an deminnern Widerspruch zwischen den ganz unvereinbaren Musterndes Dichters krankten. Während ihn der Instinkt seiner Naturzu Shakespeare,Fletcherund Masfingerzog, imponierten ihmauchdie Kunstvollendung und der höfische Gehalt, ja selbst die bevor-zugte Stoffwelt der französischen Tragiker. Seine ersten Dra-men: „Nero" (1675), „Sophonisbe" (1676), waren vonDrydens Kunstausfassungen am stärksten beeinflußt. Aber auchals sich Lee in „Theodosius" (1680), „Cäsar Borgia"(1680), „Lucius Junius Brutus" (1681), „Konstantinder Große" („Oonstantiustlisgreat", 1684), „DiePrinzessinvon Kleve" (1689) und „Das Blutbad von Paris" („INsnESLLi-6 1690) selbständiger zeigte, sich vorn Reim
wieder lossagte und zum Blankvers der altenglifchen Tragödiezurückgriff, vermochte er sich vom Einfluß der französischen Tra-gödie nicht zu befreien. Selbst das beste seiner Werke, der„Theodosius", dessen starke Gegensätze echt dramatisches Lebenwenigstens im Keim enthalten, leidet unter der Unklarheit, mitwelcher Lee zwischen dem alten Rechte der Dramatiker stand,die Handlung frei aus den Charakteren und Motiven zu ent-wickeln und ihrem ganzen Verlauf nach vorzuführen, und zwi-schen der neufranzösischen Forderung, sie gewaltsam in einemPunkt zu konzentrieren und der Einheit vonZeit und Ort unter-zuordnen. Er war entschieden um ein halbes Jahrhundert zuspät aufgetreten, unter den Dramatikern Karls!, würde er einenPlatz neben Massinger mit Ehren behauptet haben.
Bestimmter als Lee neigte dem französischen Kompofitions-und Stilprinzip sein Zeitgenosse Thomas Otway zu. 1651als Sohn eines Pfarrers zu Trotting in Sussex geboren, stu-