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Hunderiundelftcs Kapitel.
Beispiel für die studierende Jugend dienen, wie gefährlich essei, sein Brotstudium über der Poeterei zu vernachlässigen. Die„Gedichte" (erster Druck, Breslau 1723; vollständigere Aus-gabe, Leipzig 1742; neuere Auswahl, herausgegeben von Titt-mann, ebendas. 1874) Günthers, die einzige, aber unvergäng-liche Frucht seines höchst unglücklichen Lebens, wurden raschverbreitet, ohne daß die Zeitgenossen recht begriffen, wodurchsie sich von den meisten poetischen Produkten zu ihrem Vorteilunterschieden. Sie verdienten voll das glänzende Lob, welchesder größte deutsche Dichter ihnen ein Jahrhundert nach ihrerEntstehung gespendet; aus ihnen spricht in der That „ein ent-schiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft,Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigend, frucht-bar im höchsten Grad, rhythmisch bequem, geistreich witzig unddabei vielfach unterrichtet; genug, Günther besaß alles, wasdazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervor-zubringen". (Goethe, „Aus meinem Leben. Wahrheit und Dich-tung", 6. Buch.) Nur kraft dieses innern Lebens, nicht auseiner höhern theoretischen Einsicht in das Wesen der Kunstüberwand Günther den Bombast feiner fchlesischen Landsleutewie die Nüchternheit der Weiseschen Schule. Er vermochte inähnlicher Weife wie Fleming das, was ihn ergriffen hatte,ihn erhob oder quälte, mit glücklichem Ausdruck darzustellen;seine ergreifenden reuigen Selbstanklagen, sein wildes Aufbäu-men gegen das Unglück und Elend, das ihn herabzog, die auf-brausende Lebenslust, die wiederum hofft und träumt, die To-desmüdigkeit, die sich nach dem langen Schlummer im Grabesehnt: sie alle tragen das Gepräge der Wahrheit und Uumittel-barkeit. Was er durchlebte, war meist unerfreulich, selbst ab-stoßend, und es bleibt bewunderungswürdig, wie er jederzeitdas einzige poetische Moment seiner unseligen und widrigenEindrücke kraftvoll hervorzukehren wußte. Seine Form hat denfreien Fluß und die ganze Geschmeidigkeit eines gebornenSprachbeherrschers; trotz aller Roheit, in die er gelegentlich ver-sinkt, und einzelner schwülstiger und widerwärtiger Bilder ver-rät sich in seiner Kunst ein schöpferisches Moment, er greistzurück zum energisch sinnlichen und klar bildlichen Ausdruck derältern Dichter. Im Von außen her gegebenen Gelegenheits-gedicht wie in den Dichtungen, die man als Bekenntnisse seinerringenden Natur aufzufassen hat, zeigt er jene von Goethe ge-