304
Hundertundvierzehntes Kapitel.
gedenkt, scheint sich schon damals um beide gebildet zu haben,und vermutlich waren diese ersten irischen Jahre die glücklichstenin Swifts Leben.
Freilich hatte dieses Idyll, dem es auch an der komischenFigur, an Swifts witzigem und seiner Zeit vielberufenem KüsterRoger Cox, nicht gebrach, ihren sehr dunkeln Hintergrund. SwiftsJugendentbehrungen hatten ihn rettungslos verbittert und ver-härtet. Der Weg, den er bis hierher zurückgelegt, den er fernerzurückzulegen gedachte, die Menschenkenntnis, die er aus dem-selben erworben, hatten seinem Egoismus eine Schneide undSchärfe verliehen, welche der Egoismus weniger Menschen be-sitzt. Gegen die völlige Kälte des Herzens, deren Swift ange-schuldigt worden ist, lassen sich neben der Neigung für Stellazahlreiche Züge von teilnehmender Güte anführen; aber die völ-ligste Rücksichtslosigkeit bei Erreichung seiner Zwecke und Zieleund der entschiedene Bruch mit jeder Art von Idealismus könnennicht in Abrede gestellt werden. Eben damals ward das „M är-chen von der Tonne" („lots ok re tub", London 1703) voll-endet und veröffentlicht. Diese berühmte Satire, welche fürSwifts Zukunft so verhängnisvoll werden sollte, machte auf diemeisten den Eindruck völliger Parodie aller religiösen Glaubens-sätze, und in der That, schon der zu Grunde liegende Vergleichreligiöser Anschauungen mit alten Röcken, welche durch Verzie-rungen überladen und verunstaltet wurden, ist beleidigend fürdie Empfindung. Mit welcher Meisterschaft durch Swift in denBrüdern Peter, Martin und Hans die römische, englische undcalvinische Kirche personifiziert, die erstere und letztere persifliertwerden, welch unerschöpflicherReichtum eines Witzes, dergeradezuerschütternd auf alle Lachmuskeln wirkt, während er scheinbarmit dem trockensten Ernst vorgetragen wird, in allen Kapitelndes „Tonnenmärchens" enthalten ist, empfindet jeder Leser. Aberkeiner wird auch Voltaire ganz unrecht geben können, welchermeint, die Ruten, mit denen Swift die entarteten Söhne gezüch-tigt habe, seien zu lang ausgefallen, um nicht auch den Vater(das Christentum selbst) zu treffen. Für Swifts eigenste Naturist jedoch das „Märchen von der Tonne" in seinem positivenTeil noch weit charakteristischer als in seinem negativen. EineSkepsis, wie sie im Bericht von der Auslegung des Testamentszu Tage tritt, ein so bitterer, verachtungsvoller Hohn gegenirgend ein Credo Pflegen sich fast nur bei den Fanatikern eines