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Freude am Genuß des Schönen und das Bestreben,die geheimsten Gesetze des Schaffens aus der schöpfe-rischen Arbeit einer Künstlerin zu errathen. Er wardurchaus nicht, was Tina einen Anbeter nannte; zwi-schen ihm und ihr bildete sich ein reines, sonnigesVerhältniß wie zwischen zwei Geschwistern, oft em-pfand er freilich, wie schön sie war und wie hinreißend, der Zauber ihrer Anmuth, aber auch in vertrautenf Stunden, wo er allein neben ihr saß, war es, wie! er sich verständig selbst sagte, nicht das Weib, sondernl die Künstlerin, welcher er huldigte. Wenn er eines^ ihrer Stücke für sich durchgearbeitet hatte, dann bat
er sie wohl, ihm ihre Auffassung an den Hauptseenen
deutlich zu machen. Gelehrt sprechen konnte sie nichtüber das, was sie ausdrücken wollte, doch sie spielteauf der Stelle vor mit so richtiger Andeutung durchWorte und Geberde, daß er ein Bild ihres ganzenKunstwerkes erhielt. Sie vertraute ihm Alles an ohnejede Eitelkeit, sie wies selbst auf die Schwächen ihrerBegabung hin und gestand ihm, wo sie dieselben durchihre Kunstmittel so gut als möglich verdeckt hatte, auchwo ihr Etwas im Innern gar nicht ausgegangen warund sie sich mit einer dramatischen Phrase aus der
Verlegenheit geholfen hatte. Bei solchen Stellen konnteer in der Regel ihrem Verständniß helfen, dann lauschtesie andächtig auf seine Erklärung und er beobachtetemit Entzücken, wie in ihrer Seele die innere Arbeit be-gann. bis sie aufsprang und glückselig rief: „Bik, ichhab's." Dann spielte sie ihm die Stelle vor.