Buch 
6 (1880) Aus einer kleinen Stadt / von Gustav Freytag
Entstehung
Seite
378
JPEG-Download
 

378

Wieder sah sie traurig vor sich hin.Den bestenTheil hattest du." sagte sie leise,und du willst ihnvertauschen mit etwas Anderem, was für uns beide einUnglück wird. Arme Tina! noch einmal war dieUnschuld der Kinderzeit in dein Leben zurückgekehrt unddu warst so selig darin." Die Thränen rollten ihr vonden Wangen.

Sprich nicht so zu mir, Mädchen." versetzte Viktorerschüttert durch diese Klage.Traurig kann ich dichnicht sehen und unglücklich sollst du durch mich nichtwerden; ich will mich in Zukunft besser behüten. Wenndir unsere Kameradschaft als das größere Glück für deinLeben erscheint, so will ich mich zu beschränken suchenauf den Theil deines Herzens, den du mir zuwendenkannst, wie bitterlich schwer es mir auch werden mag."

Sie sah ihn forschend an und da er ihr die Handbot, hielt sie diese fest und neigte das Haupt.

Nun ging es äußerlich wieder wie vorher, aber dieharmlose Zufriedenheit, welche Viktor gefühlt, war ver-schwunden. Unruhig beobachtete er seine Jugendfreundinund machte sich Gedanken über ihre Vergangenheit, überdie Verhältnisse zu anderen Männern, die sie früher be-reits gehabt oder die sie ihm wahrscheinlich verbarg, undes half ihm wenig, daß er sich selbst sagte, wie thörichtsolche Eifersucht gegenüber einer Künstlerin sei, welcheaus engen Verhältnissen sich mühsam emporgearbeitethatte und allen Gefahren und Verlockungen des Be-rufes und ungewöhnlicher Erfolge ausgesetzt gewesenwar. Durch dies Grübeln und Zweifeln fielen zuweilen