Buch 
6 (1880) Aus einer kleinen Stadt / von Gustav Freytag
Entstehung
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379
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dunkle Schatten in den frohen Schein, der um den Thee-tisch der Künstlerin glänzte, Tina merkte die ungleicheStimmung ihres Freundes, sie bewies ihm gegenüberunverändertes Zutrauen und bei Gelegenheit eine fastdemüthige Fügsamkeit in seinen Willen. Er hatte einstnebenbei erwähnt, daß ihr eines ihrer einfachen Haus-kleider besonders gut stehe, sie trug es seitdem immer,sobald sie seinen Besuch erwarten konnte; er hatte gegensie ein Buch gelobt, als er das nächste Mal kam, fander es aufgeschlagen, obgleich sie sonst wenig las; erhatte sein Wohlgefallen an einer ihrer Kolleginnen ge-äußert, er fand die junge Dame seitdem öfter am Thee-tisch und merkte, wie Tina sich bemühte, diesen Gastim Gespräch zur Geltung zu bringen.

Als Viktor einst nach einem guten Künstlerabendneben dem alten Regisseur heimwärts ging, begann die-ser in seiner Freude über die Schauspielerin:Da hatunser Herrgott einmal etwas Gutes für das deutscheTheater zurecht gemacht, aber der Teufel wird es unsnicht gönnen und die Arbeit verderben."

Was fürchten Sie für ihre Zukunft?"

Daß sie doch einmal irgend Jemanden heiratet," ent-gegnete der Schauspieler.Das besondere Talent, wel-ches sie besitzt, ist ihr vorn Himmel nur unter Bedin-gungen verliehen, wie der Jungfrau von Orleans ihreStärke. Einer Schauspielerin, wie dieser, ist die Liebe,ja auch die Hingabe an den Geliebten nicht verwehrt;aber dies muß ein Spiel bleiben, welches ein Endenimnrt. Für Haushalt und Ehepflicht, die mancher