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anderen Künstlerin zur Kräftigung gereichen, ist dieseNatur nicht robust genug. Ich kenne sie seit Jahren."
Da wagte der eifersüchtige Viktor 'einzuwerfen: „Siehat doch sicher schon manches nähere Verhältniß zuMännern durchgekämpft."
„Das könnte aus ihrem Spiele schließen, auchwer eS nicht weiß," antwortete der Alte, „aber sie istimmer mit ihren Leidenschaften zu rechter Zeit fertiggeworden, und diese haben ihre physische und geistigeKraft nicht vermindert. Ich will ihr gern Alles nach-sehen, nur soll sie sich für keinen Mann opfern."
Nach dieser Unterredung sah Viktor die Schauspie-lerin einige Tage nicht. Die Kammerherrin war mitValerie nach der Residenz gekommen, die Damen wohn-ten bei Tante Minchen und nahmen seine Dienste sehrin Anspruch. Während ihrer Anwesenheit äußerten sieden Wunsch die fremde Künstlerin in einer ihrer großenRollen zu sehen, und Viktor mußte sie ins Theaterbegleiten. Ihm erschien dies wunderlich. Er saß nichtan seinem gewöhnlichen Platz, wo ihn Tina zu sehenwünschte, und empfand es wie ein geheimes Unrechtgegen die Freundin, daß er ihrem Spiel neben Valeriezusehen sollte. Vielleicht täuschte er sich, doch ihmkam vor, als ob die großen Augen Tina's von derBühne unruhig und besorgt nach ihm und seiner Nach-barin blickten, besonders als Valerie sich einmal zutrau-lich nach ihm wandte und leise zu ihm sprach. Wie ereinige Tage daraus die Gäste nach dem Bahnhof geleitethatte, eilte er zur Wohnung der Schauspielerin. Es