Zweytes Buch. 57
Erhebung auf den römischen Stuhl den mächtigen Be-zwinger der Langobarden für seinen Oberhcrrn erkann-te, und ihm durch Gesandte die Schlüssel des Heil. Pe-trus überreichen ließ. Eigentlich hatte er durch diesenSchritt an dem rechtmässlgen Besitzer von Italien» andem griechischen Kaiser, eine Treulosigkeit begangen.Denn dadurch, daß Bark den Langobarden das rö-mische Exarchat entrissen hatte, bekam er eben so wenigein Recht, es für sich selbst zu behalten, als es an ei-nen Dritten zu verschenken, da der griechische Kaiser,als rechtmäßiger Eigenthümer desselben, dem fränki-schen Könige keinen Anlaß zu Feindseligkeiten gege-ben hatte. Allein hier galt, wie durchgehends in die-sen Zeiten, das Recht des Slärkern über den Schwa-chen ; und Rarl war allen damaligen Regenten allzu-sehr an Macht überlegen, als daß es je einer hätte wa-gen können, sich ungestraft wegen Verletzung des Völ-kerrechts über ihn zu beschweren.
So wenig Mühe es den Pabst Leo kostete, einenihm gehässigen Oberherrn gegen einen Usurpator zu ver-tauschen, so machte er sich bey weitem noch wenigerBedenklichkeit, denselben auf eine bisher ganz uner-hörte Weise zu liebkosen. Er setzte ihm, als er eben beyseiner Anwesenheit in Rom der Messe in der Peterskir-che beywohnte, eine Krone auf, und rief ihn zum Kai-ser aus. Lächerlich war es freylich, daß der Pabst soganz aus freyer Willkühr einen Titel verschenkte, welcherganz und gar nicht zu seiner Machtvollkommenheit ge-hörte, und, was noch das sonderbarste ist, an einenMonarchen verschenkte, den nach den Begriffen der Zeitseine Eroberungen allerdings berechtigten, sich nachBelieben einen Titel zu geben. Indessen war diese Farcedes Pabstrs nicht minder von den wichtigsten Folgen fürdie Zukunft, und keineswegs nur das Werk des Zu-falls, sondern einer feinen Polittk. Der neue Titel gabzwar dem fränkischen Könige keine neue Gewalt, aber