Drittes Buch. 157
hin, sie auf eine gewisse Weise von sich abhängig zumachen. Dieses bewirkte er dadurch, daß er denpäbstlichen Stuhl nach Avignoii verlegte, und diePäbste, die in einem Zeiträume von 70. Jahren durch-aus geborne Unterthanen von ihm waren, stets in derNahe hatte.
Dieser Zeitraum ist für die Geschichte der christlichenKirche ungemcin merkwürdig geworden. So wie vonder einen Seite in Italien während der Abwesenheitder Päbste manche einträgliche Eroberung verlorengieng, und diese, um ihren gewohnten Luxus zu bestrei-ten, zu außerordentlichen Erpressungen und bisher inder Kirche noch ungewohnten Betrügereien die Zufluchtnehmen mußten; so erwachte von der andern Seiteauch selbst unter der Geistlichkeit, welche die Pabsteberaubten, und unter dem Volke, welches durch dielasterhafte und schändliche Aufführung derselben geärgertwurde, gegen das vorgebliche Haupt der Kirche nachund nach eine Empfindlichkeit und ein Kaltsinn , der un-vermerkt die Gemüther zur Reformazion vorbereitete.Man hatte im cilften Jahrhunderte mit so vielem Rech-te über Simonie geklagt. Aber es schien dieses Lasterim vierzehnten wahrend des Aufenthalts der Päbste inFrankreich unter einer neuen noch abscheulichern Ge-stalt wieder zum Vorschein zu kommen. Man verkauftein Avignon nicht nur alte höhere Kirchenämcer denMcistbielhenden, sondern man erfand ausser den Re-servazionen und Annaten unter dem Titel von Kanz-leyregcln noch eine unendliche Menge von Abgaben,womit die christliche Welt gebrandgcschatzet wurde. DieBedürfnisse der Päbste und ihrer Kardinäle waren allzuungeheuer, als daß sie mit gemeinen Opfern hättenbefriediget werden können. Man mußte, nm Geld auf-zutreiben, sich der schändlichsten Mittel bedienen; undman gieng hierin» mit so weniger Vorsicht und mit soauffallender Echaamlosigkcit zu Wrrke, daß ausser den-