166 Einleitung.
den dogmatischen Lehrbegriff modelten. So geschahes, daß, während die Scholastiker über das, wastheologisch wahr, und philosophisch falsch sey, strit-ten, das Bußwesen und mit diesem die Kirchenzuchtin den schrecklichsten Verfall geriethen. So hatte auchselbst das Volk anfänglich zwar eigenmächtig, in derFolge aber mit Bewilligung des römischen Stuhls, eineMenge Mißbräuche, B. die Bilderverehrung, dieAnbetung der Mutter Jesu, u. s. f in seine Dogma-tik aufgenommen Ausserdem schienen aber auch diePabste geflissentlich es darauf abgesehen zu haben, al-les , was der Religion an Würde noch übrig war,zu entweihen. und aus ihr eine Sklavinn des Despo-tismus zu machen. Man fieng an, die Kinder derGrossen ganz anders, als die der Kleinen zu taufen;man entzog denLayen beym Abendmahle den Kelch, undman erlaubte nicht, daß die Bibel in irgend einer Land-sprache gelesen werden sollte. So hatte sich also dieganze Epoche hindurch die Dogmatik in ein mystischesGewebe scholastischer Spitzfindigkeiten versteckt, und diepraktische Religion befand sich in einem Zustande, inwelchem sich nicht leicht die Religion eines noch so ab-göttischen Volks jemals befunden hat.
Der Verstand von so vielen Nazionen kann indessenzu keinen Zeiten so ganz unterjocht werden, daß nichthier und dort einzelne Menschen bewiesen, wie unge-reimt die Federung derjenigen sey, welche wollen, daßein offenbarer Irrthum allgemein als Wahrheit ange-nommen werden soll. Aber in solchen Fällen, besonderswenn es das Volk selbst unternimmt, sich zu helfen,geschieht es gemeiniglich, daß von einem äusserstenPunkte auf den andern gesprungen wird. Daher sinddie Ketzergeschichten dieses Zeitraumes so voller Be-weise entgegengesetzter Irrungen; und daher wurde sovielmal Wahrheit mit Irrthum zugleich verworfen. Un-ter allen Klagen war wohl stets die Klage über die Aus-