Drittes Buch. 167
gelassenheit, über die Herrschsucht und über den Geitzder Priesierschaft die gemeinste und die gegründetste.War es dennach ein Wunder, wenn fast aste Ketzer-sekten der damaligen Zeit den äußerlichen Gottesdienstund die hierarchische Verfassung der Kirche verwarfen,und dagegen eine ungewöhnlich strenge Busse zur Haupt-sache ihrer Religion machten?
Die berühmteste, und ohne allen Vergleich die un-schuldigste und edelste Ketzersckte, ist unstreitig die Sekteder LValdenscr. Sie hat ihren Namen von einemLyoner, Peter waldus, welcher zu Ende des zwölf-ten Jahrhunderts einige Bücher der heiligen Schriftin die Volkssprache übersetzen ließ; sein Vermögen un-ter die Armen vertheilte, und, nach dem Beyspiele derApostel, von einem Orte ins andere zog, und predigte.In unglaublich kurzer Zeit hatte er in Frankreich undItalien eine Menge Proselyten gemacht. Seine ganzeLehre hatte er nur aus der heiligen Schrift, und ver-warf daher alles, was sich nicht aus derselbigen er-weisen ließ. Er wollte keinen Pabst und keine grosseBischöfe, die reiche Landstande sind- Seine Bischöfesollten arme Leute seyn, welche, wie Paulus, ihr Brodtmit Handarbeit verdienten. Sein Gottesdienst bestuhndin Gebet, Almosen und Fasten. Die Beichte hob er auf,da, nach seinen Begriffen , nur Gott allein Sündenvergeben könne. Was in Jesu Bergpredigt enthaltenwar, sah er für den Inbegriff der gestimmten Pflich-ten an, welche ein Christ, um nach Christi Sinn zuleben, ausüben müßte. Es laßt sich leicht begreifen,warum eine solche Sekte einen so starken Anhang fand,und warum sich dieselbe, ungeachtet aller Verfolgun-gen , über vierhundert Jahre hindurch fortpflanzte.
Die waldcnser entzogen dem päbstlichen Stuhlemeistens nur dürftige Leute aus dem gemeinen Volke.Allein wiklef, Professor der Theologie auf der um.versitat zu Oxforr, wirkte auch auf eine andere Klasse