Viertes Buch. 185
sucht wurden, so erfolgten in allen diesen Dingen Vor-stellungen , welche von den bisher üblichen Begriffenunendlich weit verschieden waren. So veränderte sichmit der Dogmatik auch der äußerliche Gottesdienst.Man schafte die Messe ab, theilte das Abendmahlunter zweyen Gestalten aus , verwarf den Bilder-undHeillgendienst, und hielt die Kirchengebete in den üb-lichen Landessprachen. Nicht weniger wichtig, und wasgleichsam eine Zurückkehr in den Schooß der altenKirche unmöglich machte, war die völlige Umwälzungder bisherigen hierarchischen Verfassung. Der ganzeKlerus, der schon als verheyrathet durch Familienbandeimmer fester an die Gesellschaft gebunden wurde, hör-te auf, einem besondern Stand und einem eigenenHaupt anzugehören. Das Volk, welches eigentlichdie Reformazion aus sich selbst unternahm, übertrugseinen Obrigkeiten entweder feyerlich oder stillschweigenddas Recht, sich mit der Einrichtung des Kirchenwescnszu befassen, und darin» eine seinen Bedürfnissen undWünschen angemessene Ordnung einzuführen. Solcher-gestalt vereinigte das Volk seinen Vortheil mit demInteresse der Regenten, deren Schutz es eben darumauch um so leichter gewann.
Zweytes Kapitel.
Benehmen des pabstlichen Hofes wahrend derReformazion.
Allzufühlbar mußten schon alle Umstände den römi-schen Bischof an seine Ohnmacht erinnern. Leo X.hatte, was er vermochte, geflucht, und verständigeLeuth« konnten es bereits voraussehen, daß in einerAnliegenheit, welche nicht bloß das Privatinteresse ei-nes Einzelnen , sondern des grossen Volkshaufens war^mit den gewöhnlichen Waffen des Vatikans kein Sieg