Zir —
Seine einsamen Stunden waren bis an sein Le.bensende der Gottesverehrung und dem Lesen gu-ter Schriftsteller gewiedmet. Auch verstrich ihmmanche schlaflose Nacht unter frommen und gemein-nützigen Betrachtungen auf eine angenehme Weise.Schon in früher Jugend, besonders aber im Umgangmit einigen Freunden auf dem Reichstag zu Re-gensburg , hatte er an der mystischen Theologie Ge-schmack gefunden. Diese hatte sein Herz mehr alsdie Scholastik beruhigt, und ihn zu häufigen An-dachksüsungen ermuntert. Nach und nach aber über-zeugte er sich doch , daß dieselbe ein beschaulichesund muffiges Leben erfordere, und daß hingegen dieWahre, christliche Glaubenslehre allen Berufsgeschäf-ten angemessen, und für alle Stände gleich heilsamund trostreich sey. Daher erbaute ihn in seinemhöhern Alter nur noch die H. Schrift selbst, beson-ders aber die von ihm in der Grundsprache auswen-dig gelernte Epistel Pauli an die Römer , welchesein Glaubensbekenntniß war *). Von dem göttli-chen Ursprung des Christenthums hielt er die ver-mittelst desselben zum Vortheil der Vernunft undwürdiger Begriffe von der Gottheit bewirkten gros-sen Veränderungen für unwidcrsprechliche Beweise.Noch in den letzten Jahren seines Lebens besuchteer den öffentlichen Gottesdienst sehr fleißig, undließ sich öfter aus der griechischen Bibel vorlesen,welche,er vorher mehrmals selbst durchgclesen hatte.
Der iste und ipte Vers des ersten Kapitels dieser Epi-stel erregten viele Zweifel bey ihm, bis sich überzeugthatte, daß das Wort nicht Gottes Strafgerech-
tigkeit, sondern seine Güte und Gnade bezeichne. EinigeJahre hernach beruhigte ihn die Entdeckung, daß der grosseLuther der gleichen Meinung gewesen war, noch mehr.