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sein Vergnügen bis zum Entzücken. Nicht seltendankte er der göttlichen Vorsehung für seine Be-kanntschaft mit den Weisen Griechenlands und Roms,als für die größte Wolthat, mit der rührendestenEmpfindung. Uebrigens fand er mehr Geschmack anden Griechen als an den Römern, obgleich er den Cice-ro, Livius uud Sallust mit vielem Vergnügen mehr-mals gelesen hatte. Besonders ergötzte er sich fast täg-lich anPlato, diesem philosophischen und liebens-würdigen Schwärmer. Mit den Neuern , haupt-sächlich mit den beßten Schriftstellern Frankreichs,war er auch nicht unvertraut. Oft mußten die Gel-ingen ihm des Abends aus Fenelons, Montagnes,oder Labrüieres Schriften einige Abschnitte vorle-sen, zuweilen auch aus den Werken der Port-Roya-listen, den Verhandlungen der Akademie zu Parisund den merkwürdigsten Zeitschriften. Nicht weni-ger als diese vergnügten ihn einige Geschichtschrei-ber unter seinen Zeitgenossen, die gesammelten Frie-densvcrhandlungen von Uetrecht, Nimwegen, Rys-wik u. s. f. und die Tagebücher und Lebensgeschichsten berühmter Staatsmänner, wovon er eine an-sehnliche Sammlung besaß.
Alle öffentlichen Feycrlichkciten, denen die Haüpterdes Staats beywohnen müßen, versäumte Estherbis an sein Lebensende sehr ungerne, theils ausGewißenhaftigkeit, theils weil die bey solchen Ge-legenheiten sichtbare Liebe des Publikums gegenseine Person ihm ein lebhaftes Vergnügen gewährte.Die dringenden Vorstellungen seiner Enkel konntenihn also im Winter des Jahres 176-. nicht hindern,sich am Schwörtag in die kalte Hauptkirche zu be-geben, wo die Regierung alsdann Treue gegen daSVaterland, und die Bürgerschaft Gehorsam ange.lobt. Hier zog sich der 85. jährige Greis seine lezte