V i n c e.
In neuern Tagen bemerkte auch Taittasson*)vörderst, wie soViele, die seltene Mannigfaltigkeitvon da vinc'es Talenten, „welcher Kenntnisseauf Kenntnisse hauste, und zwar mehr noch desVergnügens wegen, solche zu erwerben, als umsiezn besitzen". AlSdann heißt es dort von ihm,als Maler, neben Andern,: „Eine seiner ausge-zeichneten Eigenschaften war eine gelehrte Zeich-nung, vermittelst weicherer die Schönheit nichtaus antiken Statuen, sondern aus der Naturselbst zu schöpfen wußte. So näherte er sich demGeschmacke der alten Künstler, indem er, ohnesie zu copiren, es wie sie machte, und, gleichihnen, zum Adel, zur Wahrheit, Grazie undEnergie in der Kunst gelangte; schrecklich, wenner Gefechte malte, und voll himmlischen Reitzes,wenn er uns seine Engel und H. Jungfrauen dar-stellt. Eben so suchte er die achten Quellen desAusdrucks nirgendwo als im Leben selbst auf, undgelangte, durch tiefsinnige anatomische und psy-chologische Bemerkungen. zum Erhabenen auch indiesem Theile der Kunst. Der Begriff hiernachst,den er sich von der Allmacht derselben schuf, machteihn, bc» allen seinen Arbeite» schwierig und zö-gernd ; niemals schiene» sie ihm genugsam vollen-det zu seyn; denn unmöglich konnte er auf dasTuch alle das übertragen, was in seiner Seelevorging. Eben so wenig glaubte er, daß dieGröße und Schönheit der Gedanke» ihn von schö-ner Vollendung loszählen können und auch daswar charakteristisch an ihm, daß über der Wärmeder Composition und des Ausdrucks die äußersteAusführung des Details niemals verloren ging;wo dann freylich bey dem Bestreben, seine Gegen-stände zu runden, dieselben bisweilen zu glatt er-scheinen, was, neben seinem violetten Farbenton,allerdings zu den wenigen Gebrechen dieses großenMeisters gehört. Indeß ist es wahrscheinlich,daß auch die Zeit seinen Werken einen Theil ihrerBlüthe benommen hat, da zu seinen Tagen dieMittel noch unbekannt waren, die man seitherkennen gelernt, um der damals erst neu erfunde-nen Oelmalerei die nöthige Dauer zu geben **)".So die Franzosen.
Von deutschen Kunstrichtern hören wir besondersdas kurze bündige Urtheil unsers Füßll***):„Ohne" (sagt er) „noch die Antiken gesehen zuhaben, ohne noch einige Beyspiele von seinenVorgängern benutzen zu können, lernte er blosdurch eigene Geisteskraft, wie nur das Große undBestimmende in den Formen aller lebendendenKörper vorzüglich gesucht, das weniger Bezeich-nende aber nur sparsam angenommen, und dengroßen Hauptheilen untergeordnet, und daß dieStellungen und Wendungen der vorzustellendenKörper, im genauesten Verhältnisse mit ihrer gan-zen mechanischen Struktur gezeichnet werden mü-ßen. Diese wichtige Lehre, deren mehr oder min-dere Befolgung alle nachherigen Maler mehroder weniger schätzungswerth machte, unterstützteer nicht nur durch Beyspiele praktisch als Maler,sondern auch theoretisch als Meßkünstler, durchBeweise aus den unwandelbaren Regeln derSchwere und Bewegung der Körper, und in ganzItalien verschwand in kurzer Zeit jener ängstliche,kleinliche und knechtische Geschmack, die Natur,ohne eigene Ueberlegung , mit eben so viel Geduldund Geflissenheit in ihren mangelhaften und un-
6) Obzeivlllioiir «nr Hiiel^ues Aiancls keimres r— 7 .
Archiv I. (4) S. 157—146.
* 2 ) da vince's eigene dießfällige Versehen haben wirvv») Kritisches Verreichnlß l. 8--"'
Vince. Z057
bedeutenden, als in ihren großen, schönen undbedeutenden Theilen, nachzumalen". Dann:„Dieser große Verbesseret des Kunstgeschmackshat uns zwar manche vortreffliche Stücke, alsZeugen seiner praktischen Starke in der Malerey,hinterlassen; allein , die »»gemeine Sorgfalt, mitder er solche ausführte-, und seine häufigen mathe-matischen Beschäftigungen, mußten ihm ausscror-dentlich viel Zeit kosten; und daher findet mannur wenige Gemälde von vielen Figuren von ihm. —Er war ein korrekter anatomischer Zeichner, undwußte das Schöne und Große der Formen, svweit man es in der Natur ohne Juratheziehungder antiken Idealschönheiten bestimmen kann, inseinen Gemälden richtig zu bestimmen. — SeineComposttionen sind wohl überdacht, die Charack-tere seiner Köpfe sind ungemein wahr, voll Aus-druck und Bedeutung, haben aber selten verhält-nißmäßige Würde und Anmuth. Sein tiefsinnigerUntersuchungsgeist machte ihn auch besonders aufdas in der Natur überall vorfindliche Sonderbareund Ausserordentliche, und auf die häufigen Miß-verhältniße, besonders in Gesichtern aufmerksam,denen er geflissentlich nachspürte, und sich darausbestimmte Regeln zur tzharackteristik seiner Köpfeabstrahirke; daher solche auch überall ausnehmendstark, und oft an die Gränzen der Karrckakur cha«rackterisirt sind. In seiner Färbung findet manbey weitem nicht so viel Wahrheit, als in seinerZeichnung, weil solche zu sehr ins Rothbraunefiel. Da er hiernachst nur selten guten Gebrauchvon der Würkung des Helldunkels machte, undalle Theile seiner Figuren, mit einer ganz ausscr-ordenklichen Sorgfalt und genauen Deutlichkeitausmahlte, so fiel er bisweilen in das Trockeneund Scharfe in der Ausführung. Inzwischen sindLeonards Gemälde, wegen der Größe des Stylsüberhaupt, wegen der Richtigkeit der Zeichnung,und der Genauigkeit in der Ausführung, immerunter die ersten Meisterstücke der Kunst zu zählen".Von Fiorillo^) bemerken wir, daß solcher demgewohnten Urtheil nicht beypflichten will, als obLlonardo eine bestimmte, oder gar eine doppelteManier gehabt: Die eine mit großen Schatten,wodurch die ihnen entgegengesetzten Lichter starkhervortreten, und eine zweyte, wo dem Spieleder Halbtintenfreyerer Raum gelassen sey. „Viel-mehr war er " (heißt es dann) „ bis ins hohe Alterunermüdlich in seinen Studien; unzufrieden mit sei-ner Arbeit auf einen Grad, daß er fast nie ein Ge-mälde vollendete; beym Anfange einer Arbeitfurchtsam, so daß er (wie'wir schon vonLomazzovernommen), gleich einem Anfänger zittern konnte.Dieß alles sind Zeichen eines rastlos fortstreben-den , und in Erforschung der Mitte! zu einer immervollkommneren Nachahmung unersättlichen Geistes,keinesweges jener-genügsame» Ruhe, welche gernzufrieden ist, sich auf eine festgesetzte Manier zubeschranken".
Von da vince's noch vorhandenen, oder we-nigstens ihm zugeschriebenen Bildern hohlen wirnun, nach Amorertlss-ft) u. a. dasjenige nach,wovon wir bisher entweder keine oder doch nurflüchtige Erwähnung gethan.
Vörderst zu Mailand in der Gallerie der Am-brosiana: Einen St. Johann Baptist», Halbfigurund ein Bildniß der Herzogin Beatrix'ft-ft-ft); dannin derjenigen des Erzbischöflichen Pallastes eine Ma-
Deutsch findet fich der Art. von da Vince in Meustk's
schon oben vernommen.
ch) i- 298—99.sch) S. 156. n. ff.
ffs) Richards,» sah es noch, und nennt es „sehr schön?m Profil". Spather spricht Cschin überhaupt vonquelques läce, in der Ambrsfiana, welche er, so wie einige von Dürer Ebendaselbst, „trocken und ohn»Geschmack gemalt" nennt.