Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Lieder.

9

Ihr folgte mein Blick.

Sie kam mir entgegen;

Dann trat sie verlegenUnd schamroth zurück.

Jst's Hoffnung, sind's Träume?Ihr Felsen, ihr Bäume,

Entdeckt mir die Liebste,

Entdeckt mir mein Glück!

Der Schmachtende.

Hier klag' ich verborgenDem thauenden MorgenMein einsam Geschick.

Verkannt von der Menge,

Wie zieh' ich in's EngeMich stille zurück!

O zärtliche Seele,

O schweige, verhehleDie ewigen Leiden,

Verhehle dein Glück!

Der Jäger.

Es lohnet mich heuteMit doppelter BeuteEin gutes Geschick;

Der redliche DienerBringt Hasen und HühnerBeladen zurück;

Hier find' ich gefangenAuch Vögel noch hangen!

Es lebe der Jäger,

Es lebe sein Glück!

Wer kauft Liebesgötter?

Bon allen schönen Waaren,

Zum Markte hergefahren,

Wird keine mehr behagenAls die wir euch getragenAus fremden Ländern bringen.

O höret was wir singen!

Und seht die schönen Vögel,

Sie stehen zum Verkauf.

Zuerst beseht den großen,

Den lustigen, den losen!

Er hüpfet leicht und munterVon Baum und Busch herunter;Gleich ist er wieder droben.

Wir wollen ihn nicht loben.

O seht den muntern Vogel!

Er steht hier zum Verkauf.

Betrachtet nun den kleinen,

Er will bedächtig scheinen,

Und doch ist er der loseSo gut als wie der große.

Er zeiget meist im StillenDen allerbesten Willen.

Der lose kleine Vogel,

Er steht hier zum Verkauf.

O seht das kleine Täubchen,

Das liebe Turtelweibchen!

Die Mädchen sind so zierlich,Verständig und manierlich;

Sie mag sich gerne putzenUnd eure Liebe nutzen.

Der kleine zarte Vogel,

Er steht hier zum Verkauf.

Wir wollen sie nicht loben,

Sie stehn zu allen Proben.

Sie lieben sich das Neue;

Doch über ihre TreueVerlangt nicht Brief und Siegel;Sie haben alle Flügel.

Wie artig sind die Vögel,

Wie reizend ist der Kauf!

Der Misanthrop.

Erst sitzt er eine WeileDie Stirn von Wolken frei;Auf einmal kommt in EileSein ganz Gesicht der EuleVerzerrtem Ernste bei.

Ihr fraget, was das sey?Lieb' oder Langeweile?

Ach, sie sind's alle zwei!

Liebe wider Willen.

Ich weiß es wohl und spotte viel:

Ihr Mädchen seyd voll Wankelmuth!Ihr liebet, wie im Kartenspiel,

Den David und den Alexander;

Sie sind ja Forcen miteinander,

Und die sind miteinander gut.

Doch bin ich elend wie zuvor,

Mit misanthropischem Gesicht,

Der Liebe Sklav, ein armer Thor!

Wie gern wär' ich sie los die Schmerzen,Allein es sitzt zu tief im Herzen,

Und Spott vertreibt die Liebe nicht.

Wahrer Genuß.

Umsonst daß du, ein Herz zu lenken,Des Mädchens Schooß mit Golde füllst;Der Liebe Freuden laß dir schenken,Wenn du sie wahr empfinden willst.