Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte

Hemmet uns zum Teiche! Bruder,Nimm die Bruder von der Ebne,Nimm die Brüder von den BergenMit, zu deinem Vater mit!

Kommt ihr alle! —

Und nun schwillt erHerrlicher; ein ganz GeschlechteTrägt den Fürsten hoch empor!

Und im rollenden TriumpheGiebt er Ländern Namen, StädteWerden unter seinem Fuß.Unaufhaltsam rauscht er weiter,Läßt der Thürme Flammengipfel,Marmorhäuser, eine SchöpfungSeiner Fülle, hinter sich.

Cedernhäuser trägt der AtlasAuf den Riesenschultern: sausendWehen über seinem HaupteTausend Flaggen durch die Lüfte,Zeugen seiner Herrlichkeit.

Und so trägt er seine Briider,Seine Schätze, seine Kinder,

Dem erwartenden ErzeugerFreudebrausend an das Herz.

Gesang der Geister über den Wassern.

Des Menschen SeeleGleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder niederZur Erde muß es,

Ewig wechselnd.

Strömt von der hohenSteilen FelswandDer reine Strahl,

Dann stäubt er lieblichIn WolkenwellenZum glatten Fels,

Und leicht empfangen,

Wallt er verschleiernd, '

Leisrauschcnd,

Zur Tiefe nieder.

Ragen KlippenDem Sturz entgegen,

Schäumt er unmuthigStufenweiseZum Abgrund.

Im flachen Bette

Schleicht er das Wiesenthal hin,

Und in dem glatten SeeWeiden ihr AntlitzAlle Gestirne.

Wind ist der WelleLieblicher Buhler;

Wind mischt vom Grund ausSchäumende Wogen.

Seele des Menschen,

Wie gleichst du dem Wasser!Schicksal des Menschen,

Wie gleichst du dem Wind!

Meine Göttin.

Welcher UnsterblichenSoll der höchste Preis seyn?Mit niemand streit' ich,Aber ich geb' ihnDer ewig beweglichen,Immer neuen,

Seltsamen Tochter Jovis,Seinem Schooßkinde,

Der Phantasie.

Denn ihr hat erAlle Launen,

Die er sonst nur alleinSich vorbehält,

Zugestanden,

Und hat seine FreudeAn der Thörin.

Sie mag rosenbekränztMit dem LilienstengelBlumenthaler betreten,Sommervögeln gebieten,Und leichtnährenden ThauMit BienenlippenVon Blüthen saugen:

Oder sie magMit fliegendem HaarUnd düsterm BlickeIm Winde sausenUm Felsenwände,

Und tausendfarbig,

Wie Morgen und Abend,Immer wechselnd^

Wie Mondesblicke,

Den Sterblichen scheinen.

.Laßt uns alleDen Vater preisen!

Den alten, hohen,

Der solch eine schöneUnverwelkliche GattinDem sterblichen MenschenGesellen mögen!

Denn uns alleinHat er sie verbunden