Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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-Vermischte Gedichte.

Leise leg' ich ihr zwei PomeranzenUnd zwei Rosen auf das Tischchen nieder:Sachte, sachte schleich' ich meiner Wege.

Oeffnet sie die Augen, meine Gute,

Gleich erblickt sie diese bunte Gabe,

Staunt, wie immer bei verschloßnen ThürenDieses freundliche Geschenk sich finde.

Seh ich diese Nacht den Engel wieder,

O wie freut sie sich, vergilt mir doppeltDieses Opfer meiner zarten Liebe!

Magisches Retz.

Z»m ersten Mai 180 g.

Sind es Kämpfe, die ich sehe?

Sind es Spiele? sind es Wunder?Fünf der allerliebsten Knaben,

Gegen fünf Geschwister streitend,Regelmäßig, tactbeständig,

Einer Zaubrin zu Gebote.

Blanke Spieße führen jene,

Diese flechten schnelle Fäden,

Daß man glaubt, in ihren SchlingenWerde sich das Eisen fangen.

Bald gefangen sind die Spieße;

Doch im leichten KriegestanzeStiehlt sich einer nach dem andernAus der zarten Schleifenreihe,

Die sogleich den Freien haschet,

Wenn sie den Gebundnen löset.

So mit Ringen, Streiten, Siegen,Wechselflucht und WiederkehrenWird ein künstlich Netz geflochten,Himmelsflocken gleich an Weiße,

Die, vom Lichten in das Dichte,Musterhafte Streifen ziehen,

Wie es Farben kaum vermöchten.

Wer empfängt nun der GewänderAllerwünschtes? Wen begünstigtUnsre vielgeliebte Herrin,

Als den anerkannten Diener?

Mich beglückt des holden LoosesTreu und still ersehntes Zeichen!

Und ich fühle mich umschlungen,Ihrer Dienerschaft gewidmet.

Doch indem ich so behaglich,Ausgeschmückt stolzirend wandle,Sieh! da knüpfen jene Losen,

Ohne Streit, geheim geschäftig,Andre Netze, fein und feiner,Dämmrungssäden, Mondenblicke,Nachtviolenduft verwebend.

Eh' wir nur das Netz bemerken,Ist ein Glücklicher gefangen;Den wir andern, den wir alle,Segnend und beneidend grüßen.

Der Becher.

Einen wohlgeschnitzten vollen BecherHielt ich drückend in den beiden Händen,

Sog begierig süßen Wein vom Rande,

Gram und Sorg' auf Einmal zu vertrinken.

Amor trat herein und fand mich sitzen,

Und er lächelte bescheidenweise,

Als den Unverständigen bedauernd.

„Freund, ich kenn' ein schöneres Gefäße,„Werth die ganze Seele drein zu senken;„Was gelobst du, wenn ich dir es gönne,„Es mit andrem Nektar dir erfülle?"

O wie freundlich hat er Wort gehalten!

Da er, Lida, dich mit sanfter NeigungMir, dem lange Sehnenden, geeignet.

Wenn ich deinen lieben Leib umfasse,

Und von deinen einzig treuen Lippen,Langbewahrter Liebe Balsam koste,

Selig sprech' ich dann zu meinem Geiste:

Nein, ein solch Gefäß hat, außer Amorn,Nie ein Gott gebildet noch besessen!

Solche Formen treibet nie VulcanusMit den sinnbegabten feinen Hämmern!

Auf belaubten Hügeln mag LyäusDurch die ältsten, klügsten seiner FaunenAusgesuchte Trauben keltern lassen,

Selbst geheimnißvoller Gährung vorstehn:Solchen Trank verschafft ihm keine Sorgfalt!

tlachtgedanken.

Euch bedäur' ich, unglücksel'ge Sterne,

Die ihr schön seyd und so herrlich scheinet,Dem bedrängten Schiffer gerne leuchtet,Unbelohnt von Göttern und von Menschen:Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!Unaufhaltsam führen ew'ge StundenEure Reihen durch den weiten Himmel.Welche Reise habt ihr schon vollendet!

Seit ich weilend in dem Arm der LiebstenEuer und der Mitternacht vergessen.