Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte,

Dankst du dann, am Blick dich weidend,Reiner Brust der Großen, Holden,Wird die Sonne, röthlich scheidend,Rings den Horizont vergolden.

Und wenn mich am Tag die FerneBlauer Berge sehnlich zieht,

Nachts das Uebermaaß der SternePrächtig mir zu Häupten glüht,

Alle Tag' und alle NächteRühm' ich so des Menschen Loos;Denkt er ewig sich in's Rechte,

Ist er ewig schön und groß!

Um Mitternacht.

Um Mitternacht ging ich, nicht eben gerne,Klein-kleiner Knabe, jenen Kirchhof hinZu Vaters Haus, des Pfarrers; Stern am SterneSie leuchteten doch alle gar zu schön;

Um Mitternacht.

Wenn ich dann ferner, in des Lebens Weite,

Zur Liebsten mußte, mußte, weil sie zog,

Gestirn und Nordschein über mir im Streite,

Ich gehend, kommend Seligkeiten sog;

Um Mitternacht.

Bis dann zuletzt des vollen Mondes HelleSo klar und deutlich mir in's Finstre drang,

Auch der Gedanke willig, sinnig, schnelleSich um's Vergangne wie nm's Künft'ge schlang;Um Mitternacht.

Sei Setrachtung von Schillers Schädel.

Im ernsten Beinhaus war's, wo ich beschaute,

Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;

Die alte Zeit gedacht' ich, die ergraute.

Sie stehn in Reih' geklemmt, die sonst sich haßten,Und derbe Knochen, die sich tödtlich schlugen,

Sie liegen krenzweis, zahm allhier zu rasten.Entrenkte Schulterblätter! Was sie trugen?

Fragt niemand mehr; und zierlich thät'ge Glieder,Die Hand, der Fuß zerstreut aus Lebensfugen.Ihr Müden also lagt vergebens nieder;

Nicht Ruh' im Grabe ließ man euch, vertriebenSeyd ihr herauf zum lichten Tage wieder,

Und niemand kann die dürre Schale lieben,

Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.

Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,Die heil'gen Sinn nicht jedem offenbarte,

Als ich in Mitten solcher starren MengeUnschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,

Daß in des Raumes Modcrkält' und EngeIch frei und wärmefühlend mich erquickte,

Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.

Wie mich geheimnißvoll die Form entzückte!

Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!

Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,

Das fluchend strömt gesteigerte Gestalten.

Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,

Wie bin ich werth dich in der Hand zu halten?Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend,Und in die freie Lust, zu freiem Sinnen,

Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnenAls daß sich Gott-Natur ihm offenbare,

Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,

Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre!

Äns den Leiden des jungen Werthers.

177S.

Jeder Jüngling sehnt sich so zu lieben,

Jedes Mädchen so geliebt zu seyn;

Ach, der heiligste von unsern Trieben,

Warum quillt aus ihm die grimme Pein?

Du beweinst, du liebst ihn, liebe Seele,

Rettest sein Gedächtniß von der Schmach;

Sieh, dir winkt sein Geist aus seiner Höhle:

Sey ein Mann, und folge mir nicht nach.

Trilogie der Leidenschaft.

An Werther.

Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten,Hervor dich an das Tageslicht,

Begegnest mir auf neu beblümten MattenUnd meinen Anblick scheust du nicht.

Es ist als ob du lebtest in der Frühe,

Wo uns der Thau auf Einem Feld erquickt,

Und nach des Tages unwillkommner MüheDer Scheidcsonne letzter Strahl entzückt;

Zum Bleiben ich, zum Scheiden du, erkoren,Gingst du voran — und hast nicht viel verloren.

Des Menschen Leben scheint ein herrlich Loos:Der Tag, wie lieblich, so die Nacht, wie groß!Und wir gepflanzt in Paradieses Wonne,Genießen kaum der hocherlauchten Sonne,

Da kämpft sogleich verworrene BestrebungBald mit uns selbst und bald mit der Umgebung;Keins wird vom andern wünschenswerth ergänzt,Von außen düstert's, wenn es innen glänzt,

Ein glänzend Acußres deckt mein trüber Blick,Da steht es nah — und man verkennt das Glück.