Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte.

Von Schauerbildern rings der Blick umfangenIm wüsten Raum beklommner Herzensleerc!

Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle,Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

Dem Frieden Gottes, welcher euch hieniedenMehr als Vernunft beseliget — wir lesen's —Vergleich' ich wohl der Liebe heitern FriedenIn Gegenwart des allgeliebten Wesens;

Da ruht das Herz und nichts vermag zu störenDen tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,

Sich einem Höhern, Reinern, UnbekanntenAus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,

Enträthselnd sich den ewig Unbekannten;

Wir heißen's: fromm seyn! — Solcher seligen HöheFühl' ich mich theilhast, wenn ich vor ihr stehe.

Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten,

Bor ihrem Athem, wie vor Frühlingslüften,Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,

Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;

Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,

Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Es ist als wenn sie sagte: „Stund' um StundeWird uns das Leben freundlich dargeboten,

Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,

Das Morgende, zu wissen ist's verboten;

Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,

Die Sonne sank und sah noch was mich freute.

Drum thu' wie ich und schaue, froh verständig,Dem Augenblick in's Auge! Kein Verschieben!Begegn' ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,

Im Handeln sey's, zur Freude, sey's dem Lieben;Nur wo du bist, sey alles, immer kindlich,

So bist du alles, bist unüberwindlich."

Du hast gut reden, dacht' ich, zum GeleiteGab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,

Und jeder fühlt an deiner holden SeiteSich Augenblicks den Günstling des Geschickes;

Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen,Was hilft es mir so hohe Weisheit lernen!

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute

Was ziemt denn der? Ich wüßt' es nicht zu sagen;

Sie bietet mir zum Schönen manches Gute,

Das lastet nur, ich muß mich ihm einschlagen;Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,

Da bleibt kein Rath als gränzenlose Thränen.

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam!

Doch nie geläng's die innre Gluth zu dämpfen!Schon rast's und reißt in meiner Brust gewaltsam,Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.

Wohl Kräuter gäb's, des Körpers Qual zu stillen;Allein dem Geist fehlt's am Entschluß und Willen,

Fehlt'« am Begriff: wie sollt' er sie vermissen?

Er wiederholt ihr Bild zu tausendmalcn.

Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen;

Wie könnte dieß geringstem Troste frommen?

Die Ebb' und Fluth, das Gehen wie das Kommen!

Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen!

Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos;Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,

Die Erde weit, der Himmel hehr und groß;Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,Naturgeheimniß werde nachgestammelt.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,

Der ich noch erst den Göttern Liebling war;

Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,

So reich an Gütern, reicher an Gefahr;

Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,

Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.

Aussöhnung.

Die Leidenschaft bringt Leiden! — Wer beschwichtigtBeklommnes Herz, das allzuviel verloren?

Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?Vergebens war das Schönste dir erkoren!

Trüb' ist der Geist, verworren das Beginnen;

Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,Verflicht zu Millionen Tön' um Töne,

Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne:

Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen,

Den Götterwerth der Töne wie der Thränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende,

Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,Zum reinsten Dank der überreichen SpendeSich selbst erwiedernd willig darzutragen.

Da fühlte sich — o daß es ewig bliebe! —

Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.

Äeolsharfen.

Gespräch.

Er.

Ich dacht', ich habe keinen SchmerzUnd doch war mir so bang um's Herz,Mir war's gebunden vor der StirnUnd hohl im innersten Gehirn —

Bis endlich Thrän' auf Thräne fließt,Vcrhaltnes Lebewohl ergießt. —

Ihr Lebewohl war heitre Ruh,

Sie weint wohl jetzund auch wie du.