Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte.

Du vertheilest Kraft und BürdeUnd erwägst es ganz genau;

Giebst den Alten Ruh' und Würde,Jünglingen Geschäft und Frau.Wechselseitiges VertrauenWird ein reinlich Häuschen bauen,Schließen Hof und Gartenzaun,Auch der Nachbarschaft vertraun.

Wo an wohlgebahnten StraßenMan in neuer Schenke weilt,

Wo dem Fremdling reichermaßenAckerfeld ist zugetheilt,

Siedeln wir uns an mit andern.Eilet, eilet, einzuwandernIn das neue Vaterland!

Heil dir Führer! Heil dir Band!

Erklärung eines allen Holzschnittes,

vorstellend

Hans Sachsens poetische Sendung.

In seiner Werkstatt Sonntags frühSteht unser theurer Meister hie,

Sein schmutzig Schurzfell abgelegt,

Einen saubern Feierwamms er trägt,

Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten,Die Ahl steckt an dem Arbeitskasten;

Er ruht nun auch am fieb'nten TagBon manchem Zug und manchem Schlag.

Wie er die Frühlingsfonne spürt,

Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert:

Er fühlt, daß er eine kleine WeltIn seinem Gehirne brütend hält,

Daß die sängt an zu wirken und zu leben,

Daß er sie gerne möcht' von sich geben.

Er hätt ein Auge treu und klug,

Und wär' auch liebevoll genug,

Zu schauen manches klar und rein,

Und wieder alles zu machen sein;

Hätt auch ein Zunge, die sich ergoß,

Und leicht und fein in Worte floß;

Deß thäten die Musen sich erfreun,

Wollten ihn zum Meistersänger weihn.

Da tritt herein ein junges Weib,

Mit voller Brust und rundem Leib,

Kräftig sie auf den Füßen steht,

Grad, edel vor sich hin sie geht,

Ohne mit Schlepp' und Steiß zu schwenzen,Oder mit den Augen herum zu scharlenzeu.

Sie trägt einen Maaßstab in ihrer Hand,

Ihr Gürtel ist ein giilden Band,

Hätt auf dem Haupt einen Kornährkranz,

Ihr Auge war lichten Tages Glanz;

Man nennt sie thätig Ehrbarkeit,

Sonst auch Großmuth, Rechtfertigkeit.

Die tritt mit gutem Gruß herein,

Er drob nicht mag verwundert seyn;

Denn wie sie ist, so gut und schön,

Meint er, er hätt' sie lang gesehn.

Die spricht: Ich habe dich auserlesenBor vielen in dem Weltwirrwcfen,

Daß du sollst haben klare Sinnen,

Nichts Ungeschicklichs magst beginnen.

Wenn Andre durch einander rennen,

Sollst du's mit treuem Blick erkennen;

Wenn Andre bärmlich sich beklagen,

Sollst schwankweis deine Sach' fürtragen;

Sollst halten über Ehr' und Recht,

In allem Ding seyn schlicht und schlecht,Frummkeit und Tugend bieder Preisen,

Das Böse mit seinem Namen heißen.

Nichts verlindert und nichts verwitzelt:

Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt;Sondern die Welt soll vor dir stehn,

Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn,

Ihr festes Leben und Männlichkeit,

Ihre innre Kraft und Ständigkeit.

Der Natur Genius an der HandSoll dich führen durch alle Land,

Soll dir zeigen alles Leben,

Der Menschen wunderliches Weben,

Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben,Schieben, Reißen, Drängen und Reiben,

Wie kunterbunt die Wirthschaft tollert;

Der Ameishauf durch einander kollert;

Mag dir aber bei allem geschehn,

Als thätst in einen Zaubcrkasten sehn.

Schreib das dem Menschenvolk auf Erden,

Ob's ihm möcht' eine Witzung werden.

Da macht sie ihm ein Fenster aus,

Zeigt ihm draußen viel bunten Hanf,

Unter dem Himmel allerlei Wesen,

Wie ihr's mögt in seinen Schriften lesen.

Wie nun der liebe Meister sichAn der Natur freut wunniglich,

Da seht ihr an der andern SeitenEin altes Weiblein zu ihm gleiten;

Man nennet sie Historia,

Mythologia, Fabula;

Sie schleppt mit reichend-wankenden SchrittenEine große Tafel in Holz geschnitten;

Darauf seht ihr mit weiten Aermeln und FaltenGott Vater Kinderlehre halten,

Adam, Eva, Paradies und Schlang',

Sodom und Gomorra's Untergang,

Könnt auch die zwölf durchlauchtigen Frauen