Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte.

Es steigt ein Heulen durch die Lüste,

Schnell wanken jene schwarzen Grüfte,

Als Christus sich der Hölle zeigt.

Sie knirscht aus Wuth; doch ihrem WüthenKann unser großer Held gebieten;

Er winkt — die ganze Hölle schweigt.

Der Donner rollt vor Seiner Stimme,

Die hohe Siegesfahne weht;

Selbst Engel zittern vor dem Grimme,Wenn Christus zum Gerichte geht.

Jetzt spricht Er; Donner ist Sein Sprechen,Er spricht und alle Felsen brechen,

Sein Athem ist dem Feuer gleich.

So spricht Er: zittert, ihr Verruchte!

Der, der in Eden euch verfluchte,

Kommt und zerstöret euer Reich.

Seht auf! Ihr wäret Meine Kinder,

Ihr habt euch wider Mich empört,

Ihr fielt und wurdet freche Sünder,

Ihr habt den Lohn, der euch gehört.

Ihr wurdet Meine größten Feinde,Verführtet meine liebsten Freunde,

Die Menschen fielen so wie ihr.

Ihr wolltet ewig sie verderben,

Des Todes sollten Alle sterben;

Doch, heulet! Ich erwarb sie Mir.

Für sie bin Ich herabgegangen,

Ich litt, Ich bat, Ich starb für sie.

Ihr sollt nicht euren Zweck erlangen;

Wer an Mich glaubt, der stirbet nie.

Hier lieget ihr in ew'gen Ketten,

Nichts kann euch aus dem Pfuhl erretten,Nicht Reue, nicht Verwegenheit.

Da liegt, krümmt euch in Schwefelflammen!Ihr eiltet euch selbst zu verdammen,

Da liegt und klagt in Ewigkeit!

Auch ihr, so Ich Mir auserkohren,

Auch ihr verscherztet Meine Huld;

Auch ihr seyd ewiglich verloren,

Ihr murret? Gebt Mir keine Schuld.

Ihr solltet ewig mit Mir leben,

Euch ward hierzu Mein Wort gegeben,

Ihr sündigtet und folgtet nicht.

Ihr lebtet in dem Sündenschlafe;

Nun quält euch die gerechte Strafe,

Ihr fühlt Mein schreckliches Gericht.

So sprach Er, und ein furchtbar WetterGeht von Ihm aus, die Blitze glühn,

Der Donner saßt die UebertreterUnd stürzt sie in den Abgrund hin.

Der Gottmensch schließt der Höllen Pforten,Er schwingt Sich aus den dunklen OrtenIn seine Herrlichkeit zurück.

Er sitzet an des Vaters Seiten,

Er will noch immer für uns streiten,Er will's! O Freunde, welches Glück!Der Engel feierliche Chöre,

Die jauchzen vor dem großen Gott,Daß es die ganze Schöpfung höre:Groß ist der Herr, Gott Zebaoth!

Der rwige Jude.

Fragmentarisch.

Des ewigen Juden

erster Fetzen.

Um Mitternacht wohl fang' ich an,

Spring' aus dem Bette wie ein Toller;

Nie war mein Busen seelenvoller,

Zu singen den gereis'ten Mann,

Der Wunder ohne Zahl gesehn,

Die, trutz der Läst'rer Kinderspotte,

In unserm unbegriffnen Gotte

ker omnis. tempora in Einem Punkt geschehn.

Und hab' ich gleich die Gabe nicht

Von wohlgeschlifsnen leichten Reimen,

So darf ich doch mich nicht versäumen;

Denn es ist Drang und so ist's Pflicht.

Und wie ich dich, geliebter Leser, kenne —

Den ich von Herzen Bruder nenne —

Willst gern vom Fleck und bist so faul,

Nimmst wohl auch einen Ludergaul;

Und ich, mir fehlt zu Nacht der Kiel,

Ergreif' wohl einen Besenstiel.

Drum hör' es denn, wenn dir's beliebt,

So kauderwälsch wie mir der Geist es giebt.

In Judäa, dem heiligen Land,

War einst ein Schuster, wohl bekanntWegen seiner HerzfrömmigkeitZur gar verdorbnen Kirchenzeit,

War halb Essener, halb Methodist,

Herrnhuter, mehr Separatist;

Denn er hielt viel auf Kreuz und Qual,

Genug er war Original,

Und aus OriginalitätEr andern Narren gleichen thät.

Die Priester vor so vielen JahrenWaren als wie sie immer warenUnd wie ein jeder wird zuletzt,

Wenn man ihn hat in ein Amt gesetzt.

War er vorher wie ein' Ameis krabbligUnd wie ein Schlänglein schnell und zabblig,Wird er hernach in Mantel und KragenIn seinem Sessel sich Wohlbehagen.