Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte.

Fühlt, Wie das reinste Glück der WeltSchon eine Ahnung von Weh enthält.

Er denkt an jenen Augenblick,

Da er den letzten TodesblickVom Schmerzenhügel herabgethan,

Fing vor sich hin zu reden an:

Sey, Erde, tausendmal gegrüßt!

Gesegnet all', ihr meine Brüder!

Zum erstenmal mein Herz ergießtSich nach dreitausend Jahren wieder,

Und wonnevolle Zähre fließtVon meinem trüben Auge nieder.

O mein Geschlecht, wie sehn' ich mich nach dir!

Und du mit Herz - und LiebesarmenFlehst du aus tiefem Drang zu mir!

Ich komm', ich will mich dein erbarmen!

O Welt! voll wunderbarer Wirrung,

Voll Geist der Ordnung, träger Irrung,

Du Kettenring von Wenn' und Wehe,

Du Mutter, die mich selbst zum Grab gebar,

Die ich, obgleich ich bei der Schöpfung war,

Im Ganzen doch nicht sonderlich verstehe.

Die Dumpfheit deines Sinns, in der du schwebtest,Daraus du dich nach meinem Tage drangst,

Die schlangenknotige Begier, in der du bebtest,

Von ihr dich zu befreien strebtest,

Und dann befreit, dich wieder neu umschlangst:

Das rief mich her aus meinem Sternensaal,

Das läßt mich nicht an Gottes Busen ruhn;

Ich komme nun zu dir zum zweitenmal;

Ich säte dann und ernten will ich nun.

Er sieht begierig rings sich um,

Sein Auge scheint ihn zu betrügen:

Ihm scheint die Welt noch um und umIn jener Sauce da zu liegen,

Wie sie an jener Stunde lag,

Da sie bei Hellem lichten Tag

Der Geist der Finsterniß, der Herr der alten Welt,

Im Sonnenschein ihm glänzend dargestellt,

Und angemaßt sich ohne Scheu,

Daß er hier Herr im Hause sey.

Wo, rief der Heiland, ist das Licht,

Das hell von meinem Wort entbrennen!Weh! und ich seh' den Faden nicht,

Den ich so rein vom Himmel 'rab gesponnen.Wo haben sich die Zeugen hingewandt,

Die treu aus meinem Blut entsprungen!

Und ach, wohin der Geist, den ich gesandt!Sein Wehn, ich sühl's, ist all verklungen!Schleicht nicht mit ew'gem Hungersinn,

Mit halbgekrümmten Klauenhänden,Verfluchten eingedorrten LendenDer Geiz nach tückischem Gewinn,Mißbraucht die sorgenlose FreudeDes Nachbars auf der reichen FlurUnd hemmt in dürrem Eingeweide

Das liebe Leben der Natur?

Verschließt der Fürst mit seinen SklavenSich nicht in jenes MarmorhausUnd brütet seinen irren SchafenDie Wölfe selbst im Busen aus?

Ihm wird zu grillenhafter StillungDer Menschen Mark herbeigerafft;

Er speis't in ekelhafter UebersüllungVon Tausenden die Nahrungskraft.

In meinem Namen weiht dem BaucheEin Armer seiner Kinder Brod;

Mich schmäht auf diesem faulen SchlaucheDas goldne Zeichen meiner Noth.

Er war nunmehr der Länder satt,

Wo man so viele Kreuze hat,

Und man, für lauter Kreuz und Christ,Ihn eben und sein Kreuz vergißt.

Er trat in ein benachbart Land,

Wo er sich nur als Kirchfahn' fand,

Man aber sonst nicht merkte sehr,

Als ob ein Gott im Lande wär'.

Wie man ihm denn auch bald betheuert,Aller Sauerteig sey hier ausgescheuert:Befürcht' er, daß das Brod so liebWie ein Matzkuchen sitzen blieb.

Davon sprach ihm ein geistlich Schaf,

Das er auf hohem Wege traf,

Das eine mäklige Frau im Bett,

Viel Kinder und viel Zehnten hätt,

Der also Gott ließ im Himmel ruhnUm sich auch was zu gut zu thun.

Unser Herr fühlt' ihm auf den Zahn,

Fing etlich'mal von Christo an:

Da war der ganze Mensch Respect,

Hätte fast nie das Haupt bedeckt;

Aber der Herr sah ziemlich klar,

Daß er drum nicht im Herzen war,

Daß er dem Mann im Hirne stand,

Als wie ein Holzschnitt an der Wand.

Sie waren bald der Stadt so nah,

Daß man die Thürne klärlich sah.

Ach, sprach mein Mann, hier ist der Ort,Aller Wünsche sichrer Friedensport,

Hier ist des Landes Mittelthron;Gerechtigkeit und ReligionSpediren, wie der Selzerbrunn,

Petschirt, ihren Einfluß rings herum.

Sie kamen immer näher an,

Sah immer der Herr nichts Seinigs dran.Sein innres Zutraun war gering,

Als wie er einst zum Feigbaum ging,Wollt' aber doch eben weiter gehnUnd ihm recht unter die Aeste sehn.

So kamen sie denn unter's Thor.

Christus kam ihnen ein Fremdling vor,