Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte.

Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte,

Der seinen Geist mit Ruh und Hoffnung füllt,

Und auf dem Bogen der geschloßnen PforteErblickt er ein geheimnißvolles Bild.

Er steht und sinnt und lispelt leise WorteDer Andacht, die in seinem Herzen quillt,

Er steht und sinnt, was hat das zu bedeuten?

Die Sonne sinkt und es verklingt das Läuten!

Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,

Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,

Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,

Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,

Das die Gewalt des bittern Tod's vernichtet,

Das in so mancher Siegesfahne weht:

Ein Labeqnell durchgingt die matten Glieder,

Er sieht das Kreuz, und schlägt die Augen nieder.

Er fühlet neu, was dort für Heil entsprungen,

Den Glauben fühlt er einer halben Welt;

Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt:

Er steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.

Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?

Es schwillt der Kranz, um recht von allen SeitenDas schroffe Holz mit Weichheit zu begleiten.

Und leichte Silber-Himmelswolken schwebenMit Kreuz und Rosen sich empor zu schwingen,

Und aus der Mitte quillt ein heilig LebenDreifacher Strahlen, die aus Einem Punkte dringen;Von keinen Worten ist das Bild umgeben,

Die dem Geheimniß Sinn und Klarheit bringen.

Im Dämmerschein, der immer tiefer grauet,

Steht er und sinnt und fühlet sich erbauet.

Er klopft zuletzt, als schon die hohen SterneIhr Helles Auge zu ihm nieder wenden.

Das Thor geht auf und man empfängt ihn gerneMit offnen Armen, mit bereiten Händen.

Er sagt, woher er sey, von welcher FerneIhn die Befehle höh'rer Wesen senden.

Man horcht und staunt: wie man den UnbekanntenAls Gast geehrt, ehrt man nun den Gesandten.

Ein jeder drängt sich zu, um auch zu hören,

Und ist bewegt von heimlicher Gewalt,

Kein Odem wagt den seltnen Gast zu stören,

Da jedes Wort im Herzen wiederhallt.

Was er erzählet, wirkt wie tiefe LehrenDer Weisheit, die von Kinderlippen schallt:

An Offenheit, an Unschuld der GeberdeScheint er ein Mensch von einer andern Erde.

Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen,Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung trägt!

Du siehst uns an; wir alle stehn beklommen,

Obgleich dein Anblick unsre Seele regt:

Das schönste Glück, ach! wird uns weggenommen,Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt.

Zur wicht'gen Stunde nehmen unsre MauernDich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern:

Denn ach, der Mann, der alle hier verbündet,

Den wir als Vater, Freund und Führer kennen,Der Licht und Muth dem Leben angezündet,

In wenig Zeit wird er sich von uns trennen,

Er hat es erst vor Kurzem selbst verkündet;

Doch will er weder Art noch Stunde nennen:

Und so ist uns sein ganz gewisses ScheidenGeheimnißvoll und voller bittren Leiden.

Du siehest alle hier mit grauen Haaren,

Wie die Natur uns selbst zur Ruhe wies:

Wir nahmen keinen auf, den, jung an Jahren,Sein Herz zu früh der Welt entsagen hieß.

Nachdem wir Lebens-Lust und Last erfahren,

Der Wind nicht mehr in unsre Segel blies,

War uns erlaubt, mit Ehren hier zu landen,Getrost, daß wir den sichern Hafen fanden.

Dem edlen Manne, der uns hergeleitet,

Wohnt Friede Gottes in der Brust;

Ich hab' ihn auf des Lebens Pfad begleitet,

Und bin mir alter Zeiten wohl bewußt;

Die Stunden, da er einsam sich bereitet,Verkünden uns den nahenden Verlust.

Was ist der Mensch, warum kann er sein LebenUmsonst, und nicht für einen Bessern geben?

Dieß wäre nun mein einziges Verlangen!

Warum muß ich des Wunsches mich entschlagen?Wie Viele sind schon vor mir hingegangen!

Nur ihn muß ich am bittersten beklagen.

Wie hätt' er sonst so freundlich dich empfangen!Allein er hat das Haus uns übertragen;

Zwar keinen noch zum Folger sich ernennet,

Doch lebt er schon im Geist von uns getrennet.

Und kommt nur täglich eine kleine Stunde,Erzählet, und ist mehr als sonst gerührt:

Wir hören dann aus seinem eignen Munde,

Wie wunderbar die Vorsicht ihn geführt;

Wir merken auf, damit die sichre KundeIm Kleinsten auch die Nachwelt nicht verliert;

Auch sorgen wir, daß einer fleißig schreibe,

Und sein Gedächtniß rein und wahrhaft bleibe.

Zwar vieles wollt' ich lieber selbst erzählen,

Als ich jetzt nur zu hören stille bin;

Der kleinste Umstand sollte mir nicht fehlen,

Noch hab' ich alles lebhaft in dem Sinn;

Ich höre zu und kann es kaum verhehlen,

Daß ich nicht stets damit zufrieden bin:

Sprech' ich einmal von allen diesen Dingen,

Sie sollen prächtiger aus meinem Munde klingen.