Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vermischte Gedichte.

125

Als dritter Mann erzählt' ich mehr und freier,

Wie ihn ein Geist der Mutter früh verhieß,

Und wie ein Stem bei seiner Taufe FeierSich glänzender am Abendhimmel wies,

Und wie mit weiten Fittigen ein GeierIm Hofe sich bei Tauben niederließ;

Nicht grimmigstoßend und wie sonst zu schaden,

Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden.

Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen,

Wie er als Kind die Otter überwand,

Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen,Um die entschlasne fest gewunden fand.

Die Amme floh und ließ den Säugling liegen;

Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand:

Die Mutter kam und sah mit FreudebebenDes Sohnes Thaten und der Tochter Leben.

Und so verschwieg er auch, daß eine QuelleVor seinem Schwert aus trocknem Felsen sprang,Stark wie ein Bach, sich mit bewegter WelleDen Berg hinab bis in die Tiefe schlang:

Noch quillt sie fort so rasch, so silberhelle,

Als sie zuerst sich ihm entgegen drang,

Und die Gefährten, die das Wunder schauten,

Den heißen Durst zu stillen kaum getrauten.

Wenn einen Menschen die Natur erhoben,

Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;

Man muß in ihm die Macht des Schöpfers loben,Der schwachen Thon zu solcher Ehre bringt:

Doch wenn ein Mann von allen LebensprobenDie sauerste besteht, sich selbst bezwingt;

Dann kann man ihn mit Freuden Andern zeigen,Und sagen: Das ist er, das ist sein eigen!

Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,

Zu leben und zu wirken hier und dort;

Dagegen engt und hemmt von jeder SeiteDer Strom der Welt und reißt uns mit sich fort:In diesem innern Strom und äußern StreiteVernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Wie frühe war es, daß sein Herz ihn lehrte,

Was ich bei ihm kaum Tugend nennen darf,

Daß er des Vaters strenges Wort verehrte,

Und willig war, wenn jener rauh und scharfDer Jugend freie Zeit mit Dienst beschwerte,

Dem sich der Sohn mit Freuden unterwarf,

Wie, elternlos und irrend, wohl ein KnabeAus Noth es thut um eine kleine Gabe.

Die Streiter mußt' er in das Feld begleiten;Zuerst zu Fuß bei Sturm und Sonnenschein,

Die Pferde warten und den Tisch bereiten,

Und jedem alten Krieger dienstbar seyn.

Gern und geschwind lief er zu allen ZeitenBei Tag und Nacht als Bote durch den Hain;

Und so gewohnt für Andre nur zu leben,

Schien Mühe nur ihm Fröhlichkeit zu geben.

Wie er im Streit mit kühnem munterm WesenDie Pfeile las, die er am Boden fand,

Eilt' er hernach die Kräuter selbst zu lesen,

Mit denen er Verwundete verband:

Was er berührte, mußte gleich genesen,

Es freute sich der Kranke seiner Hand:

Wer wollt' ihn nicht mit Fröhlichkeit betrachten!

Und nur der Vater schien nicht sein zu achten.

Leicht, wie ein segelnd Schiff, das keine SchwereDer Ladung fühlt und eilt von Port zu Port,

Trug er die Last der elterlichen Lehre;

Gehorsam war ihr erst und letztes Wort;

Und wie den Knaben Lust, den Jüngling Ehre,

So zog ihn nur der fremde Wille fort.

Der Vater sann umsonst auf neue Proben,

Und wenn er fordern wollte, mußt' er loben.

Zuletzt gab sich auch dieser überwunden,

Bekannte thätig seines Sohnes Werth;

Die Rauhigkeit des Alten war verschwunden,

Er schenkt' auf einmal ihm ein köstlich Pferd;

Der Jüngling ward vom kleinen Dienst entbunden,Er führte statt des kurzen Dolchs ein Schwert:

Und so trat er geprüft in einen Orden,

Zu dem er durch Geburt berechtigt worden.

So könnt' ich dir noch Tage lang berichten,

Was jeden Hörer in Erstaunen setzt;

Sein Leben wird den köstlichsten GeschichtenGewiß dereinst von Enkeln gleich gesetzt;

Was dem Gemüth in Fabeln und GedichtenUnglaublich scheint und es doch hoch ergötzt,Vernimmt es hier und mag sich gern bequemen,Zwiefach erfreut für wahr es anzunehmen.

Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,

Den sich das Aug' der Vorsicht ausersah?

Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,

An dem so viel Unglaubliches geschah?

Humanus heißt der Heilige, der Weise,

Der beste Mann, den ich mit Augen sah:

Und sein Geschlecht, wie es die Fürsten nennen,Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen.

Der Alte sprach's und hätte mehr gesprochen,

Denn er war ganz der Wunderdinge voll,

Und wir ergötzten uns noch manche WochenAn allem, was er uns erzählen soll;

Doch eben ward sein Reden unterbrochen,

Als gegen seinen Gast das Herz am stärksten quoll.Die andern Brüder gingen bald und kamen,

Bis sie das Wort ihm von dem Munde nahmen.