Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Parabolisch.

Die Freude.

Es flattert um die QuelleDie wechselnde Libelle,

Mich freut sie lange schon;

Bald dunkel und bald helle,

Wie der Chamäleon,

Bald roth, bald blau,

Bald blau, bald grün;

O daß ich in der NäheDoch ihre Farben sähe!

Sie schwirrt und schwebet, rastet nie!

Doch still, sie setzt sich an die Weiden.

Da hab' ich sie! Da hab' ich sie!

Und nun betracht' ich sie genau,

Und seh' ein traurig dunkles Blau —

So geht es dir, Zerglicdrer deiner Freuden!

Gedichte.

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!

Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,Da ist alles dunkel und düster;

Und so sieht's auch der Herr Philister:

Der mag denn wohl verdrießlich seynUnd lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!

Begrüßt die heilige Capelle;

Da ist's auf einmal farbig helle,

Geschicht' und Zierrath glänzt in Schnelle,Bedeutend wirkt ein edler Schein;

Dieß wird euch Kindern Gottes taugen,Erbaut euch und ergötzt die Augen!

Die poche.

Gott sandte seinen rohen KindernGesetz und Ordnung, Wissenschaft und Kunst,Begabte die mit aller HimmelsgunstDer Erde grasses Loos zu mindern.

Sie kamen nackt vom Himmel anUnd wußten sich nicht zu benehmen;

Die Poesie zog ihnen Kleider anUnd keine hatte sich zu schämen.

Ämor und Psyche.

Den Musenschwestern fiel es ein,Auch Psychen in der Kunst zu dichtenMethodice zu unterrichten;

Das Seelchen blieb prosaisch rein.

Nicht sonderlich erklang die Leyer,

Selbst in der schönsten Sommernacht;Doch Amor kommt mit Blick und Feuer,Der ganze Cursus war vollbracht.

Ein Gleichniß.

Jüngst pflückt' ich einen Wiesenstrauß,Trug ihn gedankenvoll nach Haus;

Da hatten, von der warmen Hand,Die Kronen sich alle zur Erde gewandt.Ich setzte sie in frisches Glas,

Und welch ein Wunder war mir das!Die Köpfchen hoben sich empor,

Die Blätterstengel im grünen Flor,

Und allzusammen so gesund

Als ständen sie noch auf Muttergrund.

So war mir's, als ich wundersamMein Lied in fremder Sprache vernahm.

Fliegentod.

Sie saugt mit Gier verräthrisches GetränkeUnabgesetzt, vom ersten Zug verführt;

Sie fühlt sich wohl und längst sind die GelenkeDer zarten Beinchen schon paralysirt;

Nicht mehr gewandt, die Flllgelchen zu Putzen,Nicht mehr geschickt, das Köpfchen aufzustützen —Das Leben so sich im Genuß verliert.

Zum Stehen kaum wird noch das Füßchen taugen;So schlürft sie fort und, mitten unterm Saugen,Umnebelt ihr der Tod die tausend Augen.

Äm Flusse.

Wenn du am breiten Flusse wohnst,Seicht stockt er manchmal auch vorbei;Dann, wenn du deine Wiesen schonst,Herüber schlemmt er, es ist ein Brei.

Am klaren Tag hinab die Schiffe,

Der Fischer weislich streicht hinan;Nun starret Eis am Kies und Riffe,Das Knabcnvolk ist Herr der Bahn.

Das mußt du sehn und unterweilenDoch immer was du willst vollziehn!Nicht stocken darfst du, vor nicht eilen;Die Zeit sie geht gemessen hin.