Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Parabolisch.

Fuchs und Kranich.

Zwei Personen ganz verschieden,

Luden sich bei mir zur Tafel,

Dießmal lebten sie in Frieden,

Fuchs und Kranich sagt die Fabel.

Beiden macht' ich was zurechte,

Rupfte gleich die jüngsten Tauben;

Weil er von Schakals Geschlechte,

Legt' ich bei gefchwollne Trauben.

Langgehälftes GlasgefäßeSetzt' ich ungesäumt dagegen,

Wo sich klar im ElementeGold- und Silberfischlein regen.

Hättet ihr den Fuchs gesehenAus der flachen Schüssel Hausen,

Neidisch müßtet ihr gestehen:

Welch ein Appetit zum Schmausen!

Wenn der Vogel, ganz bedächtig,

Sich auf einem Fuße wiegte,

Hals und Schnabel, zart und schmächtig,Zierlich nach den Fifchlein schmiegte.

Dankend freuten sie beim WandernSich der Tauben, sich der Fischchen;Jeder spottete des andernAls genährt am Katzentischchen.

Willst nicht Salz und Schmalz verlieren,Mußt, gemäß den Urgeschichten,

Wenn die Leute willst gastiren,

Dich nach Schnauz und Schnabel richten.

Fuchs und 2äger.

Schwer, in Waldes Busch und Wüchse,Füchsen auf die Spur gelangen;

Hält's der Jäger mit dem Fuchse,

Jst's unmöglich ihn zu fangen.

Und so wäre manches WunderWie A B, Ab auszusprechen,

Ueber welches wir jetzunderKopf und Hirn im Kopf zerbrechen.

Seruf des Storchs.

Der Storch, der sich von Frosch und WurmAn unserm Teiche nähret,

Was nistet er auf dem Kirchenthurm?

Wo er nicht hingehöret.

Dort klappt und klappert er genung,Verdrießlich anzuhören;

Doch wagt es weder Alt noch JungIhm in das Nest zu stören.

Wodurch — gesagt mit Reverenz —Kann er sein Recht beweisen?

Als durch die löbliche TendenzAufs Kirchendach zu.

Die Frösche.

Ein großer Teich war zugefroren;

Die Fröschlein in der Tiefe verloren,Dursten nicht fernen quacken noch springen,Versprachen sich aber, im halben Traum,Fänden sie nur da oben Raum,

Wie Nachtigallen wollten sie singen.

Der Thauwind kam, das Eis zerschmolz,Nun ruderten sie und landeten stolz.

Und saßen am Ufer weit und breitUnd quackten wie vor alter Zeit.

Die Hochzeit.

Im Dorfe war ein groß Gelag,

Man sagt', es seh ein Hochzeittag.

Ich zwängte mich in den Schenkensaal,Da drehten die Pärchen allzumal.

Ein jedes Mädchen mit seinem Wicht;

Da gab es manch verliebt Gesicht.

Nun fragt' ich endlich nach der Braut.Mir einer starr in's Angesicht schaut:„Das mögt ihr von einem andern hören!Wir aber tanzen ihr zu Ehren;

Wir tanzen schon drei Tag und NachtUnd hat noch Niemand an sie gedacht."

Will einer im Leben um sich schauen,Dergleichen wird man ihm viel vertrauen.

Segräbniß.

Ein Mägdlein trug man zur Thür hinausZu Grabe;

Die Bürger schauten zum Fenster heraus,Sie saßen eben in Saus und BrausAuf Gut und Habe.

Da dachten sie: man trägt sie hinaus;Trägt man uns nächstens auch hinaus.Und wer denn endlich bleibt im Haus,

Hat Gut und schöne Gaben:

Es muß sie doch Einer haben.