Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Epigrammatisch.

155

Lein Vergleich.

Befrei' uns Gott von s und ung,Wir können sie entbehren;

Doch wollen wir durch MusterungNicht uns noch andre scheeren.

Es schreibt mir einer: den VergleichVon Deutschen und Franzosen,

Und jeder Patriot sogleichWird heftig sich erboßen.

Kein Christenmensche'hört ihm zu;

Ist denn der Kerl bei Sinnen?Vergleichung aber läßt man zu,Da müssen wir gewinnen.

Etymologie.

(Spricht Mephistopl-eies.)

Ars Ares wird der Kriegesgott genannt,

Ars heißt die Kunst und .... ist auch bekannt.

Welch ein Geheimniß liegt in diesen Wundertönen!

Die Sprache bleibt ein reiner Himmelshauch,

Empfunden nur von stillen Erdensöhnen;

Fest liegt der Grund, bequem ist der Gebrauch,

Und wo man wohnt, da muß man sich gewöhnen.

Wer fllhlend spricht, beschwätzt nur sich allein;

Wie anders, wenn der Glocke Bimbam bammelt,

Drängt alles zur Versammlung sich hinein.

Von Können kommt die Kunst, die Schönheit kommt vom Schein.So wird erst nach und nach die Sprache fest gerammelt.

Und was ein Volk zusammen sich gestammelt,

Muß ewiges Gesetz für Herz und Seele seyn.

Ein ewiges Kochen statt fröhlichem Schmaus,

Was soll denn das Zählen, das Wägen, das Grollen?

Bei allem dem kommt nichts heraus,

Als daß wir keine Hexameter machen sollen;

Und sollen uns patriotisch sägen,

An Knittelversen uns zu begnügen.

Lunst und Alterthum.

„Was ist denn Kunst und Alterthum,Was Alterthum und Kunst?"

Genug das eine hat den Ruhm,

Das andre hat die Gunst.

Museen.

An Bildern schleppt ihr hin und herVerlornes und Erworbnes;

Und bei dem Senden kreuz und querWas bleibt uns denn? — Verdorbnes!

panacee.

„Sprich! wie du dich immer und immer erneust?"Kannst's auch, wenn du immer am Großen dich freust.Das Große bleibt frisch, erwärmend, belebend;

Im Kleinlichen fröstelt der Kleinliche bebend.

Homer wieder Homer.

Scharfsinnig habt ihr, wie ihr seyd,

Von aller Verehrung uns befreit,

Und wir bekannten überfrei,

Daß Jlias nur ein Flickwerk sey.

Mög' unser Abfall niemand kränken;Denn Jugend weiß uns zu entzünden,Daß wir Ihn lieber als Ganzes denken,Als Ganzes freudig Ihn empfinden.

Zum Divan.

Wer sich selbst und andre kennt,Wird auch hier erkennen:

Orient und OccidentSind nicht mehr zu trennen.

Sinnig zwischen beiden WeltenSich zu wiegen lass' ich gelten;Also zwischen Ost und WestenSich bewegen, sey's zum besten!

Angedenken.

Angedenken an das GuteHält»uns immer frisch bei Muthe.

Angedenken an das SchöneIst das Heil der Erdensöhne.

Angedenken an das Liebe,Glücklich! wenn's lebendig bliebe.

Angedenken an das EineBleibt das Beste, was ich meine.

Weltliteratur.

Wie David königlich zur Harfe sang,

Der Winzerin Lied am Throne lieblich klang,Des Persers Bulbul Rosenbusch umbangt,

Und Schlangenhaut als Wildengürtel Prangt,Bon Pol zu Pol Gesänge sich erneun —

Ein Sphärentanz harmonisch im Getümmel —Laßt alle Völker unter gleichem HimmelSich gleicher Habe wohlgcmuth erfreun!